Stapi-Wahlen Thun

Andrea de Meuron: «Ich stehe klar für andere Werte als Raphael Lanz»

Philippe Flück, 17. November 2022, 17:15 Uhr
Am 27. November wählt die Thuner Stimmbevölkerung ihren nächsten Stadtpräsidenten – oder ihre nächste Stadtpräsidentin. Andrea de Meuron könnte als erste Frau dieses Amt in Thun übernehmen. Die Stadt könne somit eine Pionierrolle einnehmen, sagt sie im Interview.
Andrea de Meuron (Grüne) will die erste Stadtpräsidentin von Thun werden.
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BärnToday: Was sind ihre wichtigsten Anliegen in der städtischen Politik?

Andrea de Meuron: Es gibt vier Bereiche, die für mich eine besondere Priorität haben: Klimaschutz, Partizipation, die Lebensqualität in den Quartieren und die nachhaltige Wirtschaft.

Was bedeutet dies konkret, beispielsweise beim Klimaschutz?

Ich denke an die Massnahmen, die nötig sind, um das Klimaziel «CO2 Netto 0» bis 2050 zu erreichen. Wir sind gefordert, die uns lokal zur Verfügung stehende Energie der Sonne und des Wassers unbedingt zu nutzen. Auch der motorisierte Individualverkehr, der einen massgebenden Teil der Thuner CO2-Emissionen ausmacht, soll verringert werden. In unserer Region sind 80 Prozent der Fahrten unter 5 Kilometer, fast die Hälfte ist Freizeitverkehr, und wir haben im Vergleich zu anderen Städten einen hohen Anteil von motorisiertem Individualverkehr und einen sinkenden Anteil Veloverkehr.

Gibt es diesbezüglich auch bei der Wirtschaft noch Luft nach oben?

Ja, nebst dem Dialog führen und Bedürfnisse erkennen, ist mir bei der Wirtschaft deshalb eine Förderung der nachhaltigen Wirtschaft wichtig. Konkrete Massnahmen zu Gunsten einer Kreislaufwirtschaft und einer Stärkung der residentiellen Wirtschaft. Meine Vision ist, Thun als Stadt der Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftspioniere.

Woran denken Sie hingegen, wenn Sie von Partizipation sprechen?

Bei der Partizipation geht es um den Einbezug der Bevölkerung und Wirtschaft. Unsere Verfassung sieht noch die Parteien als Bindeglied vor. Heute sind viele Menschen nicht mehr in Parteien organisiert. Ausserdem bringt die Digitalisierung neue Möglichkeiten für die Partizipation. Für einen wirkungsvollen Einbezug der Bevölkerung und Wirtschaft sind darum auch diese Kanäle wichtig, sonst riskieren wir, dass Diskussionen auf den Plattformen der Sozialen Medien geführt werden, ohne dass dabei ein echter Dialog möglich wird. Und gerade Themen wie der Klimaschutz benötigen unbedingt den Einbezug der Bevölkerung und der Wirtschaft, damit wir die gesetzten Ziele erreichen können.

«Meine Motivation für meine Kandidatur besteht in meinem Demokratieverständnis. »

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Soll das auch jüngeren Personen entgegenkommen?

Ja. Nicht von ungefähr wird von Thun als eine «Stadt der Alten» gesprochen. Alt werden wir alle und der demographische Wandel macht auch in Thun keinen Halt. Wir haben tatsächlich einen vergleichsweise hohen Anteil älterer Menschen, deshalb ist es umso wichtiger, dass Thun punkto Attraktivität und Freizeit- und Ausgangsangebote für junge Menschen vorwärts macht.

Dazu gehört auch eine hohe Lebensqualität: In den Quartieren sind deshalb meiner Meinung nach Begrünungen und Verkehrsberuhigungen wichtig. Weiter Quartierzentren, die als Orte der Begegnung für alle Generationen und Bevölkerungsschichten wie auch als Bindeglied zur Behörde dienen können.

Sollten Sie Stadtpräsidentin werden, auf welches Feedback würde Sie am Ende ihrer Legislatur freuen?

Bei den Themen, die ich angesprochen habe, geht es auch um ein Gefühl in der Bevölkerung und in der Wirtschaft. Mich würde es getreu dem Motto «wir sind Thun» freuen, wenn diese das Gefühl hätten, ernst genommen zu werden und Herausforderungen gemeinsam zusammen mit der Politik angehen zu können. Ausserdem möchte ich die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Direktionen und Abteilungen in der Stadtverwaltung fördern und die teils starren und aufwändigen Prozesse kritisch hinterfragen.

Der amtierende Stadtpräsident, Raphael Lanz, ist seit 2011 im Amt. Warum ist aus ihrer Sicht gerade jetzt der richtige Moment für einen Wechsel gekommen?

Ein Blick auf die letzten 100 Jahre zeigt, dass das Stadtpräsidium durch Beamte, Juristen oder Lehrer ausgeübt wurde. Die letzten 12 Jahre war das Stadtpräsidium in SVP-Händen und seit 20 Jahren haben wir eine bürgerliche Regierung. Erst seit knapp einem Jahr haben wir eine links-grüne Mehrheit. Für die nächste Legislatur hoffe ich, dass diese Mehrheit erhalten werden kann. Darum haben sich die Parteien der Grünen, GLP, SP und EVP mit einer Listenverbindung zu einem Bündnis zusammengeschlossen. Diese Parteien haben im Parlament, dem Stadtrat gut zusammengearbeitet und diese Zusammenarbeit soll auch in der Regierung möglich werden.

Einige sind der Meinung, in Thun laufe alles gut und eine Abwahl wäre eine unnötige Abstrafung von Raphael Lanz...

Meine Motivation für meine Kandidatur besteht in meinem Demokratieverständnis. Wir haben ein System, das Wahlen vorsieht. Mit meiner Kandidatur will ich primär eine Wahl ermöglichen für die Stimmbevölkerung.

Ich staune zudem, wie empfindlich einzelne aus bürgerlichen Kreisen reagieren. In Bern war es auch bei einem langjährigen Stadtpräsident Tschäppät Usus, dass eine Wahl aus den Rängen seiner Gemeinderatskollegen stattgefunden hat. In Thun müssen wir zu diesem Verständnis zurückfinden. Eine Wahl ist ein Wettbewerb der Ideen und Werte: Ich stehe klar für andere Werte als Raphael Lanz, ich bin Unternehmerin, setze andere Prioritäten, habe ein anderes Geschlecht und einen anderen Hintergrund.

Sie wären kantonsweit die einzige grüne Stadtpräsidentin in einer grösseren Stadt. Kann Thun eine Pionierrolle einnehmen?

Absolut. Thun hat die Chance, die erste Stadtpräsidentin überhaupt in der Geschichte der Stadt zu bekommen. Es würde zeigen: Frauen können das. Wenn es darum geht, sich für einen Job oder ein politisches Amt zu bewerben, höre ich von Frauen oft, dass sie das Gefühl haben, sie könnten dies nicht. Ich möchte eine Welt, in der mehr Vielfältigkeit in allen Funktionen gelebt wird, in der auch Frauen politische Verantwortung übernehmen und somit die Welt und Gesellschaft mitgestalten. Und wenn ich diese Veränderung wünsche, will ich auch bereit sein, diese Verantwortung zu übernehmen. Ob die Thunerinnen und Thuner so weit sind, wird sich zeigen.

Bern und Biel gelten als Hochburgen linker Parteien. Thun hat hingegen einen bürgerlichen Stadtpräsidenten. Unterscheidet sich Thun politisch grundsätzlich von den anderen Städten?

Diesen Unterschied stelle ich auch fest. Wenn ich in Bern im Grossen Rat bin, sage ich jeweils, dass die 30 Kilometer zwischen Thun und Bern geografisch keine grosse Distanz sind, politisch hingegen schon. Diskussionen gibt es in Thun zu Themen, die mir selbstverständlich scheinen, wie zum Beispiel verkehrsberuhigte und attraktive Innenstädte und oft höre ich, dass Thun da einfach länger brauche.

Nach meiner Wahrnehmung gibt es aber auch in Thun immer mehr Menschen, die sich das Angebot wünschen, wie es dies in einer Stadt gibt. Das urbane Leben wird ihnen immer wichtiger, die Bevölkerung wünscht ein breites kulturelles Angebot für alle Generationen, das einer Stadt würdig ist. Ausserdem Pop-Up’s, Zwischennutzungen, Angebote für die Freizeit und das Nachtleben für junge Menschen, bedarfsgerechte Angebot an familienergänzender Kinderbetreuung sowie Ganztagesschulen nur um ein paar Beispiele zu nennen. Dies sind alles Dinge, bei denen Thun aktuell noch Potential hat und für die ich einstehen möchte.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 18. November 2022 06:59
aktualisiert: 18. November 2022 06:59