Unkonventioneller Transport

«Das Bestattervelo baut Hemmschwellen ab»

Philippe Flück, 20. August 2022, 14:00 Uhr
Das Bestattervelo in Bern ist seit über einem Jahr im Einsatz. Der verantwortliche Bestatter Gyan Härri zieht Bilanz.
Das Bestattervelo gibt es in Bern seit über einem Jahr.
© KEYSTONE /Marcel Bieri)

Das Bestattungsunternehmen «Aurora» ermöglicht eine besondere Art des Transports: Hinterbliebene können den Leichnam ihrer Liebsten mit einem Bestattervelo zum Friedhof oder zum Krematorium fahren lassen.

Tod enttabuisieren

Gyan Härri ist Bestatter und verantwortlich für das Projekt, das vor über einem Jahr lanciert wurde. Die Idee dahinter sei die Enttabuisierung des Todes. Das Bestattervelo komme in Bern gut an: «Wir hatten letzten Sommer bis zu drei Fahrten in der Woche», erklärt er. Im Winter sei die Nachfrage dann wetterbedingt kleiner gewesen.

Die Fahrten werden rund um Bern angeboten.

© aurora Bestattungen

Die meisten Personen würden positiv auf das Bestattervelo reagieren. Negative Feedbacks gebe es kaum: «Ganz selten erleben wir auch nachdenkliche oder abweisende Leute. Wenn wir mit diesen ins Gespräch kommen, lösen sich deren Bedenken aber meist sehr schnell in Luft auf.»

Ehemann fuhr eigene Frau zum Krematorium

Oft würden Hemmschwellen durch das Velo abgebaut: «Wir wurden einmal von einem Ehemann gefragt, ob er seine Frau mit dem Bestattervelo selbst zum Krematorium fahren darf, eine sehr berührende Geschichte.» Er habe dann tatsächlich die letzten Meter im Bremgartefriedhof bis zum Krematorium fahren dürfen: «Beim Bestattungsauto hat uns noch nie eine Person gefragt, ob sie selbst damit fahren darf. Genau das ist der Unterschied, die Nähe, die Persönlichkeit, die Individualität, welche mit dem Velo gefördert wird», erklärt Härri.

Der Ehemann durfte seine Frau selber zum Krematorium fahren.

© zVg aurora Bestattungen

Ausserdem bringe das Velo auch praktische Vorteile mit sich: «Damit können wir schmale Wege runter oder rauffahren, was uns zum Teil das Tragen des Sarges über längere Strecken erspart.»

Es kam allerdings auch schon zu besonderen Herausforderungen durch das Bestattervelo. So etwa, als rund 150 Fahrräder dem Bestattervelo von der Dreifaltigkeitskirche bis zum Zehendermätteli folgten: «Mit so vielen Velos durch die Stadt zu fahren war eine unerwartete Situation», erzählt Härri.

Das Velo «strahlt Zauber aus»

Grundsätzlich seien aber die berührenden Momente klar in der Überzahl. Etwa, als eine Frau, die in ihrem Leben nie in ein Auto gestiegen war, weil es ihr dabei schwindlig wurde, auch für ihre letzte Fahrt mit einem Velo abgeholt werden konnte: «Das war sehr passend.»

Eine weitere berührende Situation war die Bestattung eines sehr jungen, fitten Mannes, der zu Lebzeiten oft mit dem Velo unterwegs war. «Zu seinen Ehren kamen seine Freunde auch mit dem Velo und fuhren dann, wie sie es mit dem Verstorbenen schon oft getan hatten, weiter in den Wald, wo sie ein Feuer anzündeten und zu Ehren des Verstorbenen das Leben feierten.» In solchen Momenten habe Härri das Gefühl, das Velo strahle eine Art Zauber aus.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 20. August 2022 14:03
aktualisiert: 20. August 2022 14:03
Anzeige