4. Montag im November

Der Zibelemärit wird jedes Jahr kleiner – das ist der Grund

Anissa Dennenmoser, 21. November 2022, 19:08 Uhr
Der Zibelemärit verwandelt die Stadt Bern am nächsten Montag wieder in ein Volksfest. Doch die Anzahl der Marktstände schrumpft jedes Jahr. Ruth Lehmann aus Kallnach gehört zu jenen, die mit ihren Zwiebelzöpfen noch in die Stadt kommen. Sie erlebt an vorderster Front, wie sich das Brauchtum entwickelt.
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Die ganze Stadt steht frühmorgens auf, um Zwiebelzöpfe zu kaufen und Glühwein zu trinken. «Für mich ist Zibelemärit Brauchtum, etwas fürs Gemüt», sagt Ruth Lehmann, die mit ihrem Mann seit Jahrzehnten Stände am Berner Zibelemärit betreibt.

Das Ehepaar aus Kallnach macht alles selber: Zwiebeln ansetzen, trocknen, putzen, binden und verkaufen. Ruth Lehmann gesteht: «Geschäftsmässig gesehen ist es ein sehr tiefer Stundenlohn.» Aber sie habe Freude daran, betont sie mehrfach. Lohnen tut es sich nicht wirklich, aber das ist nicht der Hauptgrund, weshalb es immer weniger Stände am Zibelemärit gibt.

Seit 2016 kommen immer weniger Zibele-Standbetreiberinnen und -betreiber nach Bern. Damals waren laut Daten der Stadt Bern 662 Stände registriert, drei Jahre später im Jahr 2019 waren es noch 589. Während die Standzahlen sanken, sorgte die Corona-Pandemie für einen weiteren Knick. 2020 gab es keinen Zibelemärit, 2021 – als der Märit unter besonderen Umständen durchgeführt wurde – waren lediglich 325 Standbetreibende dabei. Bisher konnte sich der Zibelemärit noch nicht davon erholen. Dieses Jahr, auch wenn wieder mit Laubenständen, Alkohol und Konfetti gefeiert werden kann, sind nur 424 Stände angemeldet.

Ruth Lehmann weiss, warum. «Es hören viele auf wegen des Alters.» Ihr tue weh, dass die Anzahl Stände immer mehr zurückgeht. Viele Zwiebelverkäuferinnen und Verkäufer kenne sie persönlich. Auch sie habe mit den Herausforderungen zu kämpfen. «Ich mache so lange weiter, wie es geht.» Sie und ihr Mann Heinrich hätten gute Leute, die ihnen helfen würden.

Bei ihrer Produktion seien Leute zwischen 17 und 90 Jahren in einem Raum, das tue Ruth Lehmann's Gemüt gut und sei «unwahrscheinlich schön». Sie stelle ihre Leidenschaft – das Produzieren von Zibelezöpfen – auch in Vereinen vor und hoffe, dass irgendwer aus Freude daran weitermache. Ob ihre eigenen Kinder die beiden Stände der Familie einst übernehmen, ist noch unklar. Aber die Leidenschaft ist da: «Wir haben unsere Kinder einfach mal mitgezogen. Zuerst haben sie sich gesträubt, jetzt sind sie schon eine Woche vorher nervös.» Warum, ist für Lehmann glasklar: «Weil der Verkauf am Zibelemärit einfach ein einmaliges Erlebnis ist.»

Der Zibelemärit ist eine alte Tradition: Auch Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen kaufte am «Zibelemärit» in Bern einen Zwiebelzopf, aufgenommen am 23. November 1964.
© KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str
Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 21. November 2022 13:11
aktualisiert: 21. November 2022 19:08