Adolf Ogi über Gorbatschow

«Er war menschlich, glaubwürdig und demütig»

Raphael Willen, 31. August 2022, 14:05 Uhr
Michail Gorbatschow starb am Dienstagabend im Alter von 91 Jahren. Adolf Ogi erinnert sich an den ehemaligen sowjetischen Staatschef, den er 2000 in Bern empfangen hatte.
Michail Gorbatschow und Adolf Ogi im Dezember 2000 in Bern.
© KEYSTONE/Lukas Lehmann
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Am Dienstagabend ist Michail Gorbatschow im Alter von 91 Jahren in Moskau gestorben. Alt-Bundesrat Adolf Ogi erinnert sich gerne an den ehemaligen Staatschef der Sowjetunion, der im Dezember 2000 in Bern eine Rede zur Bedrohung der Menschheit durch Massenvernichtungswaffen hielt.

«Als ich ihn 2000 in Bern in meinem Büro empfangen habe, ist mir sofort aufgefallen, wie bescheiden, glaubwürdig und demütig er war», sagt Ogi. «Ich hatte ja auch mit seinen Nachfolgern, den russischen Staatsführern Jelzin und Putin, zu tun. Die traten allerdings sehr selbstbewusst, autoritär und direkt auf. Gorbatschow war menschlich, interessiert, optimistisch und geprägt von Vernunft.» Der enorme Unterschied zwischen den dreien habe ihn beschäftigt.

Auch an Schweiz interessiert

Gorbatschow habe die Weltpolitik eindeutig geprägt, meint Ogi. «Er hatte weltweit grosses Ansehen und war im Westen sehr beliebt und geschätzt.» In seiner Heimat sei er hingegen umstritten gewesen. Er sei ausserdem der «Wegbereiter des Ende des Kalten Krieges und einer der Väter der deutschen Einheit» gewesen und habe «Millionen von Menschen in Europa Freiheit geschenkt». «Weiter hat er in der Sowjetunion ein neues Denken eingeführt.»

Adolf Ogi erklärt: «Er war auch sehr daran interessiert, wie es in der Schweiz möglich ist, trotz vier Sprachen, vier Kulturen und 26 Kantonen seit 1848 in Frieden zusammenzuleben. Er kam von einem Vielvölkerstaat und zeigte sich an der Schweiz sehr interessiert.»

Begegnungen auf Augenhöhe

Michail Gorbatschow sei ihm stets auf Augenhöhe begegnet, sagt Ogi. «Seine Leistung und sein Auftreten war unglaublich. Wenn man so einen Mann dann empfangen kann, der ja auch Nobelpreisträger ist, bereitet man sich gut darauf vor und empfängt ihn wohlwollend. Wir sind uns aber immer auf Augenhöhe begegnet, der gegenseitige Respekt war mir auch wichtig.»

«Ich habe ihm jeweils gut zugehört und Sachen für mich rausgenommen, die mir wichtig waren. Er war aber auch ein guter Zuhörer und hat nicht nur geredet», erklärt Ogi.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 31. August 2022 14:09
aktualisiert: 31. August 2022 14:09