Neue Wohnformen

Inklusions-Projekte in Bern: «Wir wollen kopiert werden»

David Kocher, 26. August 2022, 10:36 Uhr
Im Kanton Bern laufen mehrere Projekte zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Die Organisation Blindspot will der Zeit voraus sein und insieme Kanton Bern hofft, dass der Markt auf die wachsende Nachfrage reagieren wird.
Das Ziel der Organisationen ist, Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft sichtbarer zu machen und besser zu integrieren. (Archivbild)
© KEYSTONE/Anthony Anex

«Unsere Vision ist Inklusion; das bedeutet eine selbstverständliche Zugehörigkeit von Menschen mit einer Beeinträchtigung und eine Durchmischung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zu erreichen», erklärt Jonas Staub. Seit über 17 Jahren setzt er sich mit seiner Organisation Blindspot dafür ein, Menschen mit Behinderungen stärker in die Gesellschaft zu integrieren. 

Der Regionalverein insieme Kanton Bern hat sich ebenfalls der Inklusion verschrieben. «Ziel ist gelebte Inklusion und zwar in jedem unserer Lebensbereiche», erklärt Diana Häfliger, Geschäftsleiterin insieme Kanton Bern. Besonders mit der Einführung des neuen Behindertenleistungsgesetzes in zwei Jahren hofft insieme Kanton Bern, dass Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit vermehrt wahrgenommen werden und eine Durchmischung der Gesellschaft stattfindet.

Beide Vereine starten aber schon vor der Einführung des Gesetzes mit neuen möglichen Wohnformen: In der Lorraine hat Blindspot seit letztem Jahr eine inklusive WG initiiert, in welcher vier Personen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammenleben. Auch insieme Kanton Bern hat in Zusammenarbeit mit der Stadt Pläne für ein inklusives Wohnprojekt auf der Engehalbinsel: Der Start der WG ist auf den Sommer 2023 angesetzt.

Potenzial gesehen und gehandelt

Doch wie kommt es, dass private Organisation den Ton angeben? Blindspot will der Zeit voraus sein, sagt Gründer Jonas Staub: «Nicht aus Prinzip, aber weil wir das Bedürfnis erkennen.»

Dies sei auch der Grund, warum er 2005 die Organisation gegründet hat: Er habe einen Missstand erkannt und wollte handeln. Als erstes Inklusionsprojekt entstand so ein Feriencamp.

Später stieg Blindspot in die Gastronomie ein, um Menschen mit Beeinträchtigung im ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Man wollte zeigen, dass auch durchmischte Teams in der Gastronomie florieren können, erklärt Staub.

Bei insieme Kanton Bern sieht man ebenfalls noch Handlungsbedarf «auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen.» Die UNO Behindertenrechtskonvention gebe die Richtung vor.

Eigenständigkeit und Unabhängigkeit

Für insieme Kanton Bern setzt das eigene Wohnprojekt im Norden der Stadt nun um, was die UNO Behindertenrechtskonvention fordert: «Für alle Menschen mit Behinderungen im Kanton Bern soll es möglich sein, die Wohnform zu finden, die zu ihnen passt und für die sich sich selbstbestimmt entscheiden.» Für die WG im Rossfeld werden für den Start im Sommer 2023 noch Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gesucht. 

Für Blindspot ist die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Projekte, wie beispielsweise bei der Wohngemeinschaft, besonders wichtig, wie Jonas Staub erklärt: «Wir haben die Wohnung gemietet und ausgeschrieben. Jetzt wohnen hier vier Menschen. Das ist jetzt ihre Wohnung, die sie auch selbst verwalten müssen.» Doch bezahlen Menschen ohne Beeinträchtigungen in der Lorraine-WG eigentlich mehr? Im Gegenteil: Wie die Organisation Blindspot erklärt, würden die Preise zwar über Quadratmeter berechnet, doch zahlen Menschen mit Beeinträchtigungen schlussendlich sogar zehn Prozent mehr. Dafür verpflichten sich die WG-Mitbewohnerinnen und -Mitbewohner, bei der Sozialraumorientierung mitzuwirken. 

Bald mehr Möglichkeiten im Kanton Bern

Die Berner Politik stellt die Weichen langsam in Richtung Inklusionsförderung. Die Betonung liegt aber auf langsam. 2024 soll das neue Behindertenleistungsgesetz eingeführt werden, mit welchem das System von einer Objektfinanzierung auf eine Subjektfinanzierung wechselt. Das bedeutet: Das Geld geht künftig nicht an die Institutionen, sondern an die betroffenen Menschen selbst. Diese können die finanziellen Mittel dann für die eigenen Bedürfnisse nutzen, also selber entscheiden, wo sie wohnen und durch wen sie betreut werden.

Ein idealer Nährboden für weitere gemischte WGs? Das sieht auch insieme Kanton Bern so: «Mit der Objektfinanzierung war die Umsetzung solcher Wohnformen kaum möglich und umständlich umzusetzen», so Diana Häfliger von insieme Kanton Bern. «Die Einführung der Subjektfinanzierung ab 2024 wird es mehr Menschen mit Behinderungen ermöglichen den Schritt in Richtung mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu wagen.» Häfliger empfiehlt Betroffenen, sich aber bereits vor 2024 mit ihren Zukunftswünschen auseinanderzusetzen, nicht dass man dann bei der Umsetzung überrascht werden.

Bis das Gesetz aber eingeführt ist, könne man die Zeit nutzen, wie Jonas Staub von Blindspot ausführt: «Das neue BLG geht in eine sehr gute Richtung. Wenn das Gesetz dann kommt, sind wir fit und haben bereits einige Jahren an Erfahrungen gesammelt.»

Der Mut zur Innovation fehlt

«Durch Blindspot wurde in der Schweiz der erste ‹durch und durch› inklusive Gastrobetrieb als eigene GmbH aufgebaut», erklärt der Blindspot-Gründer nicht ohne Stolz. «Und jetzt sind wir die ersten, die zeigen, dass eine solche Wohnung auch ohne Institution funktionieren kann.» Sein Ziel ist klar: «Andere sollen uns kopieren.»

Doch warum gibt es noch so wenige Nachahmer? Jonas Staub glaubt, die Antwort zu kennen: «Es gibt in diesem Bereich noch zu wenig Mut.» Dabei sei es gar nicht so kompliziert: «Man muss nur die Betroffenen fragen, was sie wollen und was sie brauchen.»

Ähnlich ist die Sichtweise von insieme Kanton Bern: «Die inklusive WG soll weitere Menschen mit und ohne Behinderungen inspirieren», so Diana Häfliger. «Insieme Kanton Bern erhofft sich in erster Linie, dass sich nun auch Menschen mit Behinderungen die Fragen stellen: Wie möchte ich leben? Welche Interessen möchte ich verfolgen? Wo liegen meine Stärken und wie kann ich mich in die Gesellschaft einbringen? Wie kann mein Betrag aussehen?» Sie gehe davon, dass die Nachfrage gerade bei jüngeren Menschen steigen wird: «Es ist zu hoffen, dass hier der Markt mit der Zeit greifen wird und der Nachfrage auch Angebote folgen werden.»

Jonas Staub verrät BärnToday, dass bereits die nächsten Projekte geplant sind. So gebe es im gesellschaftlichen Bereich noch Nachholbedarf: «Es gibt beispielsweise keine grossen inklusiven Festivals, besonders in Bereichen für 16 bis 35-Jährige.» Und er betont abermals: «Die Ideen kommen von Betroffenen selbst.»

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Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 28. August 2022 10:28
aktualisiert: 28. August 2022 10:28
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