Konflikte an Berner Schulen

«Es ist anspruchsvoll, bei Beleidigungen professionell zu reagieren»

16. Januar 2023, 20:29 Uhr
Der Berufsverband Bildung Bern verzeichnet immer mehr Beratungsfälle. Dazu gehören auch sogenannte «Störungen», wie Beleidigungen und Beschimpfungen durch Kinder, Eltern oder auch Vorgesetzte. Schweizweit hat eine Mehrheit der Lehrpersonen Erfahrungen mit solchen Fällen gemacht.
Anzeige

Am Montag stellte der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz eine Studie mit durchaus schockierenden Ergebnissen vor: Zwei Drittel der Lehrpersonen hätten in den vergangenen fünf Jahren Gewalt erlebt. Dies zeigte sich aber in seltenen Fällen durch physische Gewalt, sondern eher durch «subtilere Gewalt» wie Beleidigungen, Bedrohungen und Einschüchterungen.

Weiterbildungen zu «Störungen» waren ausverkauft

Auch beim Berufsverband Bildung Bern hätten sich die Beratungsfälle in den vergangenen Jahren von unter 2000 Fälle auf über 3000 Fälle pro Jahr gesteigert, wie Stefan Wittwer, Geschäftsführer Bildung Bern, erklärt. Viele dieser Fälle betreffen «Störungen», dazu gehören auch Beleidigungen oder dass man als Lehrperson infrage gestellt wird. «Wir bieten dabei hauptsächlich Hilfe zur Selbsthilfe, da wir nicht die Ressourcen haben, um vor Ort zu gehen», sagt Wittwer. «Dabei geht es darum, wie man in schwierigen Situationen gut auftreten kann und an welchen Stellen man sich Hilfe holen kann.»

Ein Teil der Beratungsfälle betreffe auch Konflikte innerhalb der Schule, zum Beispiel mit Vorgesetzten, so Wittwer. Bildung Bern habe auch verschiedene Weiterbildungen und Tagungen zum Thema Störungen durchgeführt, wie Stefan Wittwer sagt. «Diese waren immer ausverkauft.»

Schule als Spiegel der Gesellschaft

Stefan Wittwer sieht mehrere Gründe, warum es in den vergangenen Jahren zu mehr Beratungsfällen gekommen ist: «Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn Gewalt in der Gesellschaft zunimmt, dann sehr wahrscheinlich auch in der Schule.» Wittwer betont auch die aktuellen Herausforderungen an den Schulen, besonders in Bezug auf den Fachkräftemangel: «Es ist sehr anspruchsvoll, bei Beleidigungen und Beschimpfungen professionell zu reagieren und sich Hilfe zu holen. Auch deshalb braucht es genügend gut ausgebildetes Personal an den Schulen. Zudem ist bei Überlastung das Risiko grösser, den guten Ton zu verfehlen, als wenn man gut ausgeruht ist.»

So sei es besonders wichtig, die Klassenlehrer und Schulleitung zu entlasten und nicht zu grosse Klassen zu bilden. «Wenn man diesen Boden stärkt, hat man am Ende der Kette ein gewaltfreieres Klima», so Wittwer.

(dak)

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 16. Januar 2023 16:39
aktualisiert: 16. Januar 2023 20:29