Zahle was du willst

In diesem Café machst du den Preis

2. August 2022, 17:22 Uhr
In Jegenstorf eröffnet am Mittwoch ein Café, in dem die Gäste den Preis fürs «Kafi» oder den Kuchen selber bestimmen können. Die meisten Gäste werden nicht kneifen und einen angemessenen Preis bezahlen. Das zumindest sagt die Psychologie.
Wie viel ist dir ein Kaffee wert?
© KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Ab Mittwoch kannst du in Jegenstorf im Polesana Café Plus selber entscheiden, wie viel du für Speis und Trank bezahlen willst. Hinter dem Angebot steht Daniel Polesana, ein ausgebildeter Chiropraktor und Massagetherapeut, dem nach eigenen Angaben das soziale Engagement für benachteiligte, beeinträchtigte Menschen wichtig ist.

Um den Gästen den Umgang mit dem noch ungewohnten Preissystem zu erleichtern, hat Polesana Richtpreise zusammengestellt und erläutert auch, wie sich diese zusammensetzen.

Damit setzt Polesana viel Vertrauen in seine Kundschaft. Diese soll sich durchaus Gedanken machen, über den Wert einer Dienstleistung oder einer Ware, die mit viel Herzblut selbst hergestellt wurde, so die Absicht. Das Preismodell ist ein Experiment, wie Polesana schreibt.

Die Forschung hat gezeigt, dass ein solches System durchaus funktionieren kann: Ein internationales Forscherteam hat 2012 herausgefunden, dass nicht nur der Sozialdruck von aussen dazu führt, dass wir einen angemessenen Preis bezahlen, wenn wir ihn selbst festsetzen können. Triebfeder ist auch unser inneres Bestreben, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten.

In einem ihrer Experimente hatten die Forscher in einem Wiener Restaurant die Gäste in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe, sollte ihren selbstbestimmten Betrag direkt beim Personal bezahlen, die andere sollte den Betrag in einen Umschlag stecken.

Die Forscher staunten nicht schlecht: Wer dank des Umschlags anonym bleiben konnte, bezahlte im Schnitt nicht weniger, sondern mehr als die Gäste der anderen Gruppe.

«pay what you want» im Aufschwung

Partizipative Preissysteme nennt die Wissenschaft es, wenn nicht mehr der Verkäufer, sondern der Käufer den Preis bestimmt. «Pay what you want» (zahle, was Du willst) wird das System landläufig genannt.

Partizipative Preissysteme erleben derzeit einen Aufschwung, doch ganz neu sind sie nicht. Wer ist nicht schon beim Wandern, etwa auf einen «stotzigen» Emmentaler Hügel, an einem Bauernhof vorbeigekommen, bei dem auf einem kleinen Tisch eine Kanne Tee oder Most und Kuchen für hungrige und durstige Wanderer bereitstanden. Daneben ein Kässeli, in dem man nach Gutdünken einen «Batzen» für die Erfrischung einwerfen konnte.

Allein die Tatsache, dass solche Angebote recht häufig sind, zeigt, dass die meisten Gäste wohl nicht kneifen und sehr wohl ihren Obolus entrichten. Nun hält diese Idee auch Einzug in der Gastronomie in Jegenstof.

(SDA/pfl)

Quelle: sda
veröffentlicht: 2. August 2022 17:23
aktualisiert: 2. August 2022 17:23
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