Zwangsmassnahmen

Kanton will an düsteres Kapitel erinnern

23. November 2022, 16:04 Uhr
Erinnerungstafeln, Ausstellungen, Schulmaterialien und eine Website: So will der Kanton Bern Verding- und Heimkinder, administrativ Versorgte, Zwangsadoptierte und Fahrende erinnern. Eine Verdingung verfolge Betroffene ein Lebenlang.
Versorgt, verwaltet, vernachlässigt: Akten von Verdingkindern im Kanton Bern. Dieser will nun an die vielen Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen erinnern. (Symbolbild)
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER
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Mit fünf Projekten will der Kanton Bern an Verding- und Heimkinder, administrativ Versorgte, Zwangsadoptierte und Fahrende erinnern. Bis in die 1970-er Jahre erlitten viele von ihnen schweres Unrecht durch Zwangsmassnamen - ein düsteres Kapitel bernischer Geschichte.

Zahlreiche Kinder und Jugendliche sowie junge Frauen und Männer waren von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen betroffen. Es ist unbestritten, dass manche von ihnen Glück hatten und an guten Orten landeten, wo man sie förderte und integrierte.

Über 10'000 Opfer

Viele aber trugen ein ungleich schwereres Los. Es wurde ihnen während Jahrzehnten - unter den Augen der überforderten oder gleichgültigen Verantwortlichen - nachhaltig schweres Leid und Unrecht zugefügt. Dieses bestand aus Verachtung, Ausgrenzung, Ausbeutung, Willkür, massiver Beeinträchtigung physischer oder psychischer Integrität bis hin zu schweren sexuellen Übergriffen.

«Für Betroffene hat das Ereignis eine lebenslange Bedeutung: Es ist nicht nur eine Situation, die man als Kinder oder junge Erwachsene erlebt hat, sondern auch dann noch, wenn man aus dem Heim oder den Verdingzusammenhänge entlassen worden ist, ohne zu wissen, was eine Familie ist», sagt Urs Rietmann, Projektleiter der Zeichen der Erinnerung.

Gut 10'000 nachweisliche, noch lebende Opfer haben inzwischen gestützt auf das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen von der Eidgenossenschaft einen Solidaritätsbeitrag von 25'000 Franken erhalten. Rund ein Fünftel dieser Personen stammt aus dem Kanton Bern. Er sei zwar kein Historiker, dass im Kanton Bern vergleichsweise viele Kinder verdingt wurden, führe Rietmann darauf zurück, dass dieser gross und landwirtschaftlich geprägt gewesen sei.

Erinnerungstafel und Ausstellung

2019 überwies das Berner Kantonsparlament ein Postulat, das vom Kanton forderte, eine Erinnerung an die Opfer von damals zu schaffen. Nun hat der Kanton Bern fünf Teilprojekte ausgearbeitet. Vertreterinnen und Vertreter von unterschiedlicher Opfergruppen haben das Vorhaben positiv aufgenommen und arbeiten im Rahmen eines Beirats aktiv mit, wie die Staatskanzlei am Mittwoch mitteilte. «Ich finde es gut, dass wir darüber sprechen, weil wir angehalten sind, uns Gedanken zu machen, dass solche Dinge nicht mehr passieren», so Rietmann.

Ein Teilprojekt besteht aus einer vom Berner Grafiker Claude Kuhn gestalteten Erinnerungstafel. Sie kann von Gemeinden, Schulen oder Kirchgemeinden an einem selber zu bestimmenden Ort angebracht werden und soll Anlass sein für einen generationenübergreifenden Dialog.

Weiter soll in möglichst allen Gemeinden eine Ausstellung von rund 20 Themenplakaten stattfinden. Ziel der Ausstellung ist die Verbindung eines historischen Themas mit konkreten Biografien und zukunftsgerichteten Fragen.

Auch Unterrichtsmaterialien und eine Webseite sind geplant. Lanciert werden soll die Aktion am 25. Mai 2023. Für die fünf Teilprojekte setzt der Kanton Bern insgesamt 257'000 Franken ein. Das Projekt wird darüber hinaus von der Burgergemeinde Bern, der GVB-Kulturstiftung, der Ernst Göhner Stiftung und der Allgemeinen Plakatgesellschaft APG unterstützt.

(sda/pfl)

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 23. November 2022 17:03
aktualisiert: 23. November 2022 17:03