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«Wie soll jemand in Grindelwald einschätzen können, ob Aarwangen eine Umfahrung braucht?»

Abstimmungen im Kanton Bern

«Wie soll jemand in Grindelwald einschätzen können, ob Aarwangen eine Umfahrung braucht?»

· Online seit 12.03.2023, 20:00 Uhr
Die Stimmbevölkerung im Kanton Bern hat zwei umstrittenen Strassenprojekten grünes Licht gegeben. Projekte wie jene im Oberaargau und im Emmental dürften je länger, je mehr einen schwierigen Stand haben. Der Kommentar von BärnToday-Redaktionsleiter Tobias Karlen.
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«Der Boden für solche Projekte wird steiniger», sagt der erleichterte Bau- und Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus nach dem Ja zu «seinen» Umfahrungsprojekten. Man kann nur nicken. Vorlagen zu grossen Infrastrukturprojekten sind komplexer geworden und diese vom Stimmvolk bewilligt zu bekommen, dürfte künftig immer schwieriger werden. Das haben die aktuellen Strassenprojekte im Kanton Bern gezeigt.

So sind Umweltanliegen zwar nicht neu, doch werden sie zunehmend lauter artikuliert und sind breiter abgestützt. Auch aufs Portemonnaie wurde zwar schon immer geschaut, doch vor dem Hintergrund der klammen Kantonsfinanzen dürfte auch der Blick auf die Kosten kritischer geworden sein. Die rasante technische Entwicklung, die ständig neue Fragen zur Mobilitäts-, Arbeits- oder Freizeitgestaltung aufwirft, macht es immer schwieriger, zukünftige Bedürfnisse richtig vorauszusagen.

Eine Hand wäscht die andere

Dazu kommt eine zunehmende Individualisierung und «On-Demandisierung» unserer Gesellschaft: Ich bezahle nur noch für etwas, das ich auch wirklich nutze – und dann auch nur zum Zeitpunkt, zu dem ich es gerade will. Sei es beim Netflix-Spielfilm oder beim Publibike-Mietvelo. Ein Oberländer könnte sich also fragen: Wieso soll ich eine teure Umfahrungsstrasse im Emmental oder Oberaargau finanzieren, die ich niemals benutzen werde?

So weit scheint es mit dem Hang zur Ichbezogenheit im Kanton Bern aber noch nicht zu sein. Vielmehr gilt noch immer das Prinzip «Eine Hand wäscht die andere». Die Hoffnung dürfte sein: Wenn das Oberland dem Oberaargau seine Umfahrungsstrasse ermöglicht, wird auch das nächste Projekt in Guttannen Unterstützung erhalten.

Richtiger Entscheid

Dass die eine oder andere Person auch aus solchen Überlegungen ein Ja in die Urne gelegt hat, ist diesen nicht zu verübeln. Ganz ehrlich: Wie soll jemand in Grindelwald einschätzen können, ob Aarwangen eine Umfahrung braucht?

Dass die Zustimmung in der Gemeinde Aarwangen selbst trotz aller berechtigten Gegenargumente und hitzig geführten Diskussionen über 70 Prozent betrug, kann deshalb als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Bernerinnen und Berner heute richtig entschieden haben.

veröffentlicht: 12. März 2023 20:00
aktualisiert: 12. März 2023 20:00
Quelle: BärnToday

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