Stapi-Wahlen Thun

Raphael Lanz: «Ich habe mich mit Herzblut für unsere Stadt eingesetzt»

Philippe Flück, 18. November 2022, 22:33 Uhr
Raphael Lanz will sich am 27. November von der Thuner Bevölkerung im Amt bestätigen lassen. Als Stadtpräsident will er weiterhin für eine hohe Lebensqualität in Thun sorgen – ohne Blick ins Parteibüchlein.
Raphael Lanz ist bereits seit 2011 Stadtpräsident von Thun.
© KEYSTONE/Anthony Anex
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Sie sind bereits seit 2011 Stadtpräsident von Thun. Warum braucht es noch eine Legislatur?

Innerhalb eines Jahres werden drei von fünf Gemeinderatsmitglieder neu im Amt sein. Würde nun auch noch das Präsidium ausgewechselt, so wären innerhalb eines Jahres alle Funktionen neu besetzt – und dies, obwohl der Gemeinderat gut funktioniert und sich Thun sehr gut entwickelt hat. Ich bin deshalb der Auffassung, dass es bei den vielen Wechseln auch eine gewisse Stabilität braucht.

Genau weil sich die Stadt in den Augen vieler Thunerinnen und Thuner gut entwickelt hat, wurden Stimmen laut, die sagen, würden Sie nicht gewählt, wäre dies eine «unnötige Abstrafung». Würden Sie dies auch als solche empfinden?

Ich habe mich in den letzten Jahren mit Herzblut für unsere Stadt eingesetzt – mit Erfolg, wie ich denke. Daher müssen die Wählerinnen und Wähler beurteilen, ob sie dies honorieren möchten oder ob sie in einer Situation, in der bereits drei von fünf Gemeinderatsmitglieder neu sind, ein Experiment eingehen möchten.

In den letzten Jahren mussten wir auch schwierige Situationen meistern. Wie Corona, wo wir rasch und gut reagiert haben oder die Situation mit den Geflüchteten aus der Ukraine, die wir bisher auch sehr gut gemeistert haben. Leider müssen wir angesichts der aktuellen Situation davon ausgehen, dass Führungserfahrung und Krisenfestigkeit auch künftig wichtig sein werden. Diese Eigenschaften bringe ich mit.

Wenn Sie in die Zukunft schauen, welche wären die wichtigsten Themen der nächsten Legislatur?

Wir haben in Thun eine der schweizweit tiefsten Leerwohnungsziffern. Das heisst, wir sind eine sehr attraktive Stadt. Aber das hat natürlich auch eine Kehrseite: Uns fehlt der Wohnraum, vor allem auch für junge Menschen und Familien. Darauf haben wir mit der soeben vom Stadtrat genehmigten Ostplanungsrevision bereits reagiert. Mir ist wichtig, dass wir in Thun genug Wohnraum für alle haben. Aber auch für die Wirtschaft brauchen wir Entwicklungsmöglichkeiten, welche wir mit dem neuen Baureglement schaffen wollen. Schliesslich möchte ich das Profil von Thun als «Stadt am Wasser» mit hoher Lebensqualität weiter schärfen.

Wie sieht es mit der Energie- und Klimapolitik aus?

Das ist eine weitere Herausforderung. Dabei liegt mein Fokus auf dem Heizungsersatz, einer Solaroffensive und der Elektrifizierung der Mobilität. Hier haben wir den grössten Hebel für positive Veränderungen. Und in Bezug auf die Verkehrssituation haben wir uns in Gesprächen mit den Nachbargemeinden soeben auf einen neuen Lösungsansatz geeinigt, welcher den Verkehrsfluss namentlich auf der rechten Seite des Thunersees verbessern soll, ohne dass damit unzumutbare Nebenwirkungen für andere Quartiere verbunden sind. Hier möchte ich mich für die versuchsweise Umsetzung der entsprechenden Massnahmen einsetzen.

Sie sprechen das Freizeitangebot an. Oft wird Thun nachgesagt, sie sei eine «Stadt der Alten», in der für junge Leute nicht viel laufe. Wie empfinden Sie das?

Wenn man die Stadt demographisch anschaut, haben wir tatsächlich einen beträchtlichen Anteil an Seniorinnen und Senioren. Das ist ein Zeichen für eine hohe Lebensqualität. Aber es ist richtig, dass es auch Angebote für junge Leute und Familien braucht. Das hängt aber auch stark mit dem fehlenden Wohnraum zusammen. Für Junge ist es immer schwieriger, eine Wohnung zu finden. Mit der Ortsplanungrevision schaffen wir das Potenzial für mehr Wohnraum. Wenn wir hingegen die Ausgehsituation anschauen, haben wir vieles getan, etwa mit den «Mediterranen Nächten» und zahlreichen Anlässen. Wenn man abends auf den Mühleplatz geht, kann man nicht sagen, dass nichts laufe. Mit dem Mokka haben wir ausserdem ein schweizweit bekanntes Konzert- und Kulturlokal, das von der Stadt massgeblich unterstützt wird. Ich erhoffe mir auch konkrete Initiativen von den Leuten, die ein bestimmtes Angebot vermissen. Die Stadt ist keine Eventorganisatorin, aber wir unterstützen mit Überzeugung gute Ideen.

Die anderen grossen Städte im Kanton, Bern und Biel, sind Hochburgen linker Parteien. Warum ist dies in Thun anders?

Ich denke, während meiner Zeit als Stadtpräsident konnte ich zeigen, dass wir eine verantwortungsvolle Politik zu Gunsten der Thunerinnnen und Thuner machen. Thun entwickelt sich sehr gut. Wir haben auch einen sehr gesunden Finanzhaushalt. Im Gegensatz zu den von Ihnen genannten Städten haben wir ein Nettovermögen pro Kopf und nicht Nettoschulden. Wir setzen vielleicht etwas andere Prioritäten, aber der Blick auf die Stadt zeigt mir, dass wir doch Vieles richtig machen.

Ihnen wird teilweise nachgesagt, sie seien vom politischen Profil her und von den Entscheidungen, die Sie treffen, kein «richtiger» SVPler. Was halten Sie davon?

Als Stadtpräsident bin ich nicht in erster Linie Parteipolitiker. Mir liegt Thun am Herzen. Ich will ein Stadtpräsident für alle sein und ich denke, ich habe in Vergangenheit bewiesen, dass ich das bin. Meiner Auffassung nach braucht es allgemein in der Exekutive nicht Partei- sondern Sachpolitik. Wir gehen nicht zur Gemeinderatssitzung mit dem Parteibüchlein in der Tasche. Wir haben konkrete Überzeugungen und Grundhaltungen, von denen aus wir konkrete Probleme beurteilen. Ich bin überzeugt, dass in unserem System der Kompromiss wichtig ist und die verschiedenen Blickwinkel auf ein Geschäft gute Lösungen fördern. Verschiedene Sichtweisen zu einer massgeschneiderten Lösung zu vereinbaren, ist eine meiner Stärken.

Eines Tages werden Sie nicht mehr Stadtpräsident sein. Was wäre Ihr Wunsch, wie Ihre Zeit als Stadtpräsident in Erinnerung bleiben soll?

Das möchte ich gar nicht auf einzelne Dinge reduzieren. Mich freut es immer, wenn am Neuzuzüger-Apéro Leute auf mich zukommen und sagen, wie gut es ihnen in Thun gefalle. Ich denke, es ist unsere Aufgabe als Politikerinnen und Politiker dafür zu sorgen, dass die Leute gerne hier leben und es auch der Wirtschaft gut geht. Dabei spielen viele kleine Dinge eine Rolle. Ich selbst lebe gerne in Thun: Die Lebensqualität ist sehr hoch, auch wenn natürlich nicht alles perfekt ist. Und wenn ich die positiven Feedbacks aus der Bevölkerung höre, merke ich, dass wir gute Arbeit leisten.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 18. November 2022 11:03
aktualisiert: 18. November 2022 22:33