Giftmörder von Ittigen

Strafverteidiger: «14 Jahre Haft könnte man zynisch als Erfolg feiern»

19. Januar 2023, 17:03 Uhr
Am Donnerstag ist der Berner, der seine Frau im Frühjahr 2021 vergiftet haben soll, zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht bezeichnete die Tat als äusserst skrupellos. Während seine Frau im Sterben lag, habe er mit einer neuen Liebschaft «gechattet und geflirtet».
Das Regionalgericht Bern-Mittelland hat den Ittiger Giftmörder zu 14 Jahren Haft verurteilt. (Archivbild)
© KEYSTONE/PETER KLAUNZER
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Ein Berner soll im März 2021 seine Frau heimlich mit Gichtmittel vergiftet haben. Der Mann soll das Medikament seiner Frau nicht wie anfangs berichtet im Porridge, sondern im Kaffee verabreicht haben. Die Staatsanwaltschaft sprach beim Prozess von «eiskaltem Mord» und forderte eine Gefängnisstrafe von 18 Jahren und 6 Monaten.

Am Donnerstag fällte nun das Regionalgericht Bern-Mittelland das Urteil: Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der Angeklagte seine Frau mit einer Überdosis eines Gichtmittels vergiftet hatte und verurteilten den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren.

Strafverteidiger: «Das Urteil könnte zynisch als Erfolg gefeiert werden»

Mit dem Urteil sei die Opferfamilie zufrieden, wie Rechtsanwalt Kernen nach dem Prozess sagt. «Es ist wichtig und richtig, dass das Gericht die Tat als das beurteilt hat, was es ist: als Mord. Auch die besondere Skrupellosigkeit und Gefühlskälte kamen in der Urteilsbegründung zum Ausdruck.» Bei der Genugtuung, die laut «20 Minuten» für die Mutter der Verstorbenen 39'000 Franken und für den Bruder 6500 Franken beträgt, gehe es um die Symbolik: «Kein Geld der Welt bringt einen Menschen, der gestorben ist, zurück», so Kernen.

Andere Töne schlägt der Strafverteidiger Philipp Kunz an: «Einverstanden kann man mit einem Urteil nicht sein, dass so anders rauskommt, als man es wollte.» Die Begründung sei aber sehr aufschlussreich, wie Kunz sagt. Kunz gab noch keine Auskunft, ob man in Berufung gehen wolle oder nicht. «14 Jahre für einen Mord könnte man zynisch als Erfolg für die Verteidigung feiern», so Kunz. «Aber es bleiben 14 Jahre. Deswegen müssen wir vertieft prüfen, ob wir das akzeptieren oder nicht.» Spannend sei auch, dass das Gericht sich bis zum Schluss nicht erklären könnte, was das Motiv für diese Tat gewesen sein könnte, so Kunz. «Die Verteidigung kann nicht beweisen, ob die Erkrankung allenfalls schon beim Tatzeitpunkt bestanden haben könnte.»

Zahlreiche Medikamente an geheimes Postfach geliefert

Er sei unsterblich in eine Bürokollegin verliebt gewesen und habe den Tod seiner Frau gewollt, sagte die Gerichtspräsidentin bei der Bekanntgabe des Urteils am Donnerstag. Der Angeklagte habe sich weit im Voraus der Tat über die Wirkung von Giften informiert und zahlreiche entsprechende Medikamente über ein ausländisches Handelsportal bestellt und an ein geheimes Postfach liefern lassen.

Der Angeklagte habe seiner Frau ein mehrfaches der tödlichen Dosis eines Gichtmittels verabreicht, dies könne kein Unfall sein. Der studierte und als blitzgescheit charakterisierte Mann habe um die Wirkung wissen müssen.

Als seine Frau mit schweren Symptomen im Spital war, habe er die Ärzte nicht über die heimliche Verabreichung des Medikaments informiert, so dass diese noch hätten den Magen der Frau auspumpen und sie allenfalls retten können. Stattdessen habe er, während seine Frau im Sterben lag, mit seiner neuen Liebschaft «gechattet und geflirtet», sagte die Gerichtspräsidentin.

Kurz nach dem Tod seiner Frau plante der Beschuldigte Ferien und machte einen Termin beim Schönheitschirurgen ab.

Ehemann wollte Frau «wirkliche Beschwerden» zeigen – Gericht glaubt ihm nicht

Der Angeklagte bestritt vor Gericht nicht mehr, seiner Frau im März 2021 das Gichtmittel in den Kaffee geschüttet zu haben. Sein Verteidiger betonte aber, der Angeklagte habe die Frau nicht umbringen wollen.

Die Gattin habe ihn genervt, weil sie immer wieder Besuche von oder bei Freunden absagte, wegen gesundheitlicher «Zipperlein». Der Mann habe ihr einmal zeigen wollen, wie sich wirkliche Beschwerden anfühlten. Dieser Version schenkte das Gericht jedoch keinen Glauben.

Dass der Angeklagte rund zwei Jahre behauptete, sich nicht an die Tat zu erinnern und erst kurz vor dem Prozess plötzlich von einem Unfall sprach, wertete das Gericht als Schutzbehauptung.

(dak/sda)

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 19. Januar 2023 14:18
aktualisiert: 19. Januar 2023 17:03