Lügen als Strategie

So werben Sekten in der Schweiz um Mitglieder

Lara Aebi, 21. September 2022, 19:35 Uhr
Sie verteilen Glückskekse, veranstalten Online-Kurse oder schleusen Zielpersonen in Bibelkreise ein: Sekten kennen längst nicht nur eine Variante, um ihre Mitgliederzahlen zu erhöhen. Die besten Opfer sind Menschen, die sich in Lebenskrisen befinden.
Der Empfangsbereich der Scientology-Kirche in Basel.
© Keystone

Wir wurden sicher alle schon einmal auf der Strasse angesprochen – sei es, um Geld zu spenden, eine Unterschriftensammlung zu unterstützen oder eben auch, um über die Bibel zu sprechen. Auch Sekten nutzen in der Schweiz die Öffentlichkeit, um potenzielle Mitglieder zu rekrutieren. Dies geschah zuletzt am Dienstagabend, als Scientology Glückskekse an Passantinnen und Passanten im Berner Bahnhof verteilte, wie die «Berner Zeitung» und «Der Bund» berichteten.

Doch Stände auf der Strasse seien nicht mehr die erfolgreichste Methode für Sekten, um Menschen für sich zu gewinnen, wie Georg Otto Schmid, Leiter der evangelischen Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen Relinfo verrät. «Die erfolgreichste Werbung erzielen Sekten im persönlichen Umfeld. Dabei zielen sie auf Menschen ab, die sich in einer schwierigen Lebenslage oder sogar Krise befinden.» So können Menschen in jedem Alter in die Fänge einer Sekte geraten.

Sekten gehen getarnt vor

Doch Sekten greifen auch zu anderen Kniffen, um neue Mitglieder zu rekrutieren – beispielsweise gründen sie Tarnorganisationen, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Der Verein Narconon steht beispielsweise für eine Gesellschaft ohne Drogen ein und gründete Entzugskliniken auf der ganzen Welt. Die Programme von Narconon richten sich jedoch nach den Lehren des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard.

Gegenüber der «Berner Zeitung» und «Der Bund» bestritt Jürg Stettler, Präsident Scientology Schweiz, im Jahr 2019 noch, dass die Sekte einen Zusammenhang mit Narconon habe. Heute ist Narconon auf der Webseite von Scientology Deutschland detailliert beschrieben. Solche Vorgehensweisen seien für Sekten typisch, erklärt Georg Otto Schmid von Relinfo. «Je nachdem, was einer Gemeinschaft gerade vorteilhafter erscheint, werden deren Beziehungen zu ihren Tarnorganisationen offengelegt oder nicht.»

Koreanische Sekte rekrutiert Studierende

Scientology zählt nebst den Zeugen Jehovas zu den aktivsten Sekten in der Schweiz. Doch es gibt noch viele mehr. Die koreanische Sekte Shincheonji (koreanisch für «Neuer Himmel und neue Erde») warb gemäss Relinfo in den vergangenen Jahren vermehrt junge Menschen an.  Lee Man-hee, der Gründer der Bewegung, betrachtet sich selbst als Träger des Geistes von Jesus und Gott sowie als Pastor der Endzeit, welcher in der Johnannes-Offenbarung thematisiert wird.

Relinfo zufolge rekrutiert Shincheonji in der Schweiz vor allem junge Menschen. Dies unter anderem, in dem sie Zielpersonen in christliche Bibelkreise einschleust. «Doch Shincheonji ist auch online sehr präsent», so Georg Otto Schmid. So könnten junge Menschen ebenfalls sehr gezielt angegangen werden. Sobald rekrutiert, werden die jungen Menschen durch ein Bibelstudium in die Lehren Shincheonjis eingeführt. Gegenüber ihren Angehörigen dürfen Rekrutierte nicht über das Studium sprechen und werden sogar dazu angehalten, zu lügen.

«Lügen ist ein wichtiger Pfeiler für viele Sekten», so Schmid. «Sekten lügen, um potenzielle Mitglieder anzuwerben und um sie dabei zu behalten.»

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 21. September 2022 19:36
aktualisiert: 21. September 2022 19:36
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