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Das erlebt Ändu Hebeisen als Strassenverkäufer bei Surprise

Am Bahnhof Bern

Das erlebt Ändu Hebeisen als Strassenverkäufer bei Surprise

26.01.2023, 13:36 Uhr
· Online seit 26.01.2023, 09:48 Uhr
André «Ändu» Hebeisen ist seit 2015 bei Surprise. Er verkauft in Bern Surprise-Magazine und macht soziale Stadtrundgänge. Der 53-Jährige, der auch als Zeitungsverträger tätig ist, verlor 2011 aufgrund von Stress am Arbeitsplatz den Boden unter den Füssen. In der Folge erlitt er ein Burnout, kämpfte mit Alkoholproblemen und verlor schliesslich seinen Job als Abteilungsleiter einer Baufirma. Im Interview spricht er über seine Arbeit als Strassenverkäufer.
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BärnToday: Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit als Surprise-Verkäufer gekommen?

Ändu Hebeisen: Als ich zuunterst war und wirklich nichts mehr hatte, sagte mir einer aus der Klinik, dass er Surprise-Magazine verkaufen geht, sobald er nicht mehr in der Klinik ist. Ich dachte mir nur: «Jaja, die paar Franken, die du da verdienst.» Ich meldete mich dann trotzdem bei Surprise, worauf ich zwei Verkaufsplätze erhielt. Die waren aber schlecht und ich befürchtete, dass ich da nicht weit kommen würde. Später verkaufte ich Hefte in Bern am Bahnhof, was viel besser lief. Das war aber eigentlich nicht erlaubt – es waren zwar Surprise-Plätze, aber nicht meine. Nachdem sie mich dort erwischt hatten, musste ich den Ausweis abgeben. Etwa zwei Wochen später riefen sie mich an und boten mir einen Platz am Bahnhof an. Seither bin ich dort.

Was schätzen Sie an Ihrer Tätigkeit als Strassenverkäufer?

Die zwischenmenschlichen Beziehungen und die sozialen Kontakte. Wenn ich Zeitungen austrage, bin ich oft alleine. Hier sind aber immer Leute um mich herum. Es kommen auch immer wieder Leute, um sich mit mir zu unterhalten. Da bin ich im Flow drin. Ich brauche das einfach. Ich mache es nicht nur wegen des Geldes, wobei es natürlich auch eine wesentliche Rolle spielt. Wenn man so funktioniert wie ich, muss man immer sehen, dass man dranbleibt, sonst vereinsamt man. Wenn man wie ein Poulet in der Ecke steht, lässt man es lieber sein. Man muss ein Menschenfreund sein, um das zu machen.

Was sind die Herausforderungen in diesem Job?

Man wird von den Leuten natürlich anders wahrgenommen. Darüber, wie gewisse Personen einen anschauen, kann man schon ins Grübeln kommen. Im Winter kann die Kälte unangenehm sein und im Sommer die Hitze. Die Sicherheit ist dank der Überwachungskameras nie ein Problem.

Wie erleben Sie die Leute am Bahnhof Bern?

Wenn es Probleme gibt, sind die Leute nervös. Das merke ich. Wenn sie an mir vorbeigehen, touchieren sie mich teilweise. Da liegt eine Nervosität und ein Knistern in der Luft. Zu solchen Zeiten verkaufe ich sowieso nichts. Beispielsweise bevor der Schnee kommt, während Corona oder bei anderen Hiobsbotschaften.

Die Leute sind heute extrem sensibel. Wir sind überreizt mit all den digitalen Sachen. Viele Leute ertragen das nicht und sind dadurch genervt. Früher war es viel besser. Alles hat sich gewandelt, auch das Volk. Es sind jüngere Leute, mehr Multikulti, es hat mehr Leute mit Koffern. Pendler haben sowieso nie Zeit, die warten lieber zehn Minuten auf dem Perron, als kurz mit dem Surprise-Verkäufer zu sprechen. Die Leute sind extrem auf Nadeln.

Verkaufen sie seit der Corona-Pandemie weniger Magazine?

Ja, definitiv. Die Verkäufe sind massiv eingebrochen, aber das war ja klar. Da wird als Erstes gespart. Man kauft das Surprise nicht und gibt die 6 Franken dann anders aus. Viele Leute sagen mir, dass sie das Magazin gerade nicht kaufen können. Das Geld wäre nach wie vor da, aber alle wollen es horten. Da kann ich auch nichts machen.

Gibt es Leute, die immer wieder zu ihnen kommen, um das Surprise zu kaufen?

Ja, da gibt es viele. Es gibt Leute, die seit sieben Jahren kommen. Ich habe eine riesige Stammkundschaft. Wenn ein neues Heft rauskommt, verkaufe ich tendenziell mehr. Es gibt Leute, die es immer kaufen und nur zu mir kommen. Diese Begegnungen schätze ich sehr.

Was würden Sie den Leuten in Bern sagen wollen, denen sie tagtäglich begegnen?

Dass sie mal etwas innehalten sollen. Lebensqualität kann man nicht kaufen. Ich weiss manchmal nicht, hinter was gewisse Leute herrennen. Vielleicht ist der Sinn des Lebens, im Hier und Jetzt zu leben. Ich jedenfalls lebe im Hier und Jetzt, ich schaue nicht gross nach vorne.

veröffentlicht: 26. Januar 2023 09:48
aktualisiert: 26. Januar 2023 13:36
Quelle: BärnToday

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