Lehrpersonenmangel

Immer mehr Eltern schicken Kinder auf Privatschulen – wegen grösseren Klassen

Riccardo Schmidlin, 16. August 2022, 18:13 Uhr
Im Kanton Bern mangelt es an Lehrerinnen und Lehrern, weshalb die Klassen grösser werden und vermehrt Personen ohne Diplom in die Bresche springen müssen. Gewisse Eltern werden da skeptisch und setzen zunehmend auf Privatschulen.
Die Feusi-Privatschule mit einem Standort in Bern-Wankdorf erhielt während den Sommerferien 2022 viele kurzfristige Anmeldungen.
© Screenshot Google Street View

Während Wochen haben Lehrerinnen und Lehrer Alarm geschlagen: Vielerorts mangelt es an Fachkräften, viele Stellen im Kanton Bern bleiben auch nach dem Schulstart am Montag unbesetzt. Mancherorts springen Personen ohne Abschluss ein.

Kleine Klassen machen Privatschulen attraktiv 

Kein Problem mit einem Lehrkräftemangel haben hingegen Berner Privatschulen. Die von BärnToday angefragten Bildungsstätten Feusi, NMS und Campus Muristalden bestätigen unisono: «Wir konnten unsere Stellen schon frühzeitig besetzen.»

Ein Grund dafür: die Klassengrössen. «Wir haben kleine Klassen mit höchstens 20 Schülerinnen und Schülern. Das ist für die Lehrerinnen und Lehrer natürlich angenehm», sagt Sandra von May-Granelli. Sie ist Inhaberin und Vorsitzende der Geschäftsführung des Feusi-Bildungszentrums.

Nur Diplomierte dürfen unterrichten 

Die Privatschule mit einem Standort in Bern-Wankdorf beschäftigt nur Lehrpersonen mit einem Master-Abschluss oder solche, die bald vor dem Abschluss stehen. Auch an der NMS Bern am Waisenhausplatz und am Campus Muristalden unterrichten fast ausschliesslich Lehrpersonen mit Diplom. Nur eine Person wurde aus der Hauswirtschaft rekrutiert, die ihr Lehrerdiplom noch erlangen wird.

Wie in den staatlichen Schulen auch, stieg die Anzahl Schulkinder in den vergangenen Jahren. Bei den Privatschulen liegt dies aber nicht nur an den geburtenstarken Jahrgängen, die schulpflichtig werden. «Das Thema, ob ihre Kinder genügend gefördert und gefordert werden, beschäftigt die Eltern. Da sind sie froh zu hören, dass wir qualifizierte Lehrpersonen haben», sagt Feusi-Inhaberin von May-Granelli.

Auch glaubt sie, dass die Privatschulen während der Corona-Zeit einen guten Job machten und die Schülerinnen und Schüler sowie die Eltern gut betreuten. «Diese Auswirkungen spüren wir nun erfreulicherweise», so von May-Granelli.

Kurzfristige Anmeldung während den Sommerferien 

Und: Da durch den Lehrermangel die Klassen an den öffentlichen Schulen immer grösser werden, sind die Privatschulen für viele Eltern zur dankbaren Alternative geworden. Für die Feusi entscheiden sich Eltern auch immer wie kurzfristiger. «Viele Anmeldungen gingen bei uns noch während der Sommerferien ein», so die Feusi-Inhaberin und Vorsitzende der Geschäftsleitung.

Ob diese Anmeldungen mit Bedenken von Eltern bezüglich des Lehrpersonenmangels zusammenhängen, kann sie nicht sagen. «Es ist noch zu früh, dies zu beurteilen.»

Ähnlich klingt es bei Peter Heiniger, Direktor der NMS Bern: «Dass gewisse Eltern skeptisch werden, wenn die Klassen im Kanton grösser werden und nicht diplomierte Lehrpersonen eingesetzt werden und sich deshalb Alternativen überlegen, ist denkbar.» Noch sei dieser Effekt aber nicht stark spürbar. «Wir werden nicht überrannt», so Heiniger.

Lehrpersonenmangel sorgt auch bei Privatschulen für Unmut 

Der Campus Muristalden stellt ebenfalls eine erhöhte Nachfrage fest. «Wir führen dies aber nicht auf den kurzfristigen akuten Lehrermangel im Kanton Bern zurück. Der Muristalden als private subventionierte Schule wird wegen des pädagogischen Profils gewählt», erklärt Schuldirektorin Ursula Käser.

Zu erwähnen seien hierbei etwa die Lernbegleitung, Ganztagesschule oder Hausaufgabenbetreuung. «Verzweifelte Eltern, die kurzfristig angerufen haben, weil sie an der öffentlichen Schule nicht zufrieden sind, haben wir keine.»

Obwohl der Muristalden bislang keine Schwierigkeiten hatte, Stellen von Lehrerinnen und Lehrern zu besetzen, sorgt der Fachkräftemangel auch dort durchaus für Bedenken. «Der Lehrpersonenmangel macht uns Sorgen, da wir uns als Teil des Bildungssystems verstehen. Das stellt alle gemeinsam vor grosse Herausforderungen und auch wir als Private müssen dafür schauen, dass wir den Lehrberuf wieder attraktiver machen», so Käser.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 16. August 2022 16:57
aktualisiert: 16. August 2022 18:13
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