Mit katholischer Kirche

«Können Augen nicht verschliessen»: Stadt Bern will «versteckte Armut» lindern

17. Januar 2023, 16:45 Uhr
Am Dienstag hat die Stadt Bern ein Pilotprojekt zur Armutsbekämpfung vorgestellt. Man will mithilfe von sozialen Organisationen Menschen in Armut unterstützen, die Angst haben, zur Sozialhilfe zu gehen.
Claudia Hänzi, Leiterin Sozialamt, stellt das Überbrückungsprojekt vor.
© BärnToday
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Die Stadt Bern hat ein Pilotprojekt für Überbrückungshilfen gestartet. Das Ziel sei, armutsbetroffenen Personen zu helfen, welche keinen Zugang zur Sozialhilfe haben, sagte Franziska Teuscher, Sozialdirektorin der Stadt Bern, am Dienstag vor den Medien.

«Wir haben gemerkt, dass man mit wenigen Hilfen – beispielsweise mal eine Miete oder Zahnbehandlung übernehmen – relativ viel Not lindern kann. Und auf das zielt die Überbrückungshilfe ab», erklärt Claudia Hänzi, Leiterin Sozialamt Stadt Bern gegenüber BärnToday.

Für die Durchführung des einjährigen Pilotprojekts wurde die Fachstelle Sozialarbeit der römisch-katholischen Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung beauftragt. Bei gewissen armutsbetroffenen Personen gebe es eine Angst vor Behördenkontakten, deshalb arbeite die Stadt mit Hilfsorganisationen ausserhalb der Verwaltung zusammen.

Angst vor Ausweisung führt zu «versteckter» Armut

Laut Claudia Hänzi geht es dabei nicht um die Überwindung der Bürokratie. Seit einigen Jahren müssten Personen gemeldet werden, die Sozialhilfe beziehen würden und eine C- oder B-Bewilligung hätten. Das könne zum Verlust des Bleiberechts führen. «Wir stellen fest, dass sich einige Personen nicht mehr auf der Sozialhilfe melden und dadurch grösserer Not ausgesetzt sind.» Dies betreffe nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Familien.

Quelle: BärnToday / Warner Nattiel

Die Stadt Bern geht davon aus, dass 1500 Personen nicht zum Sozialamt kämen, obschon sie einen Anspruch auf Sozialhilfe hätten. Diese Situation der «versteckten» Armut sei durch die Corona-Pandemie sichtbar geworden, sagte Teuscher an der Medienkonferenz. Hänzi fügt hinzu: «Jetzt wissen wir davon und können auch die Augen nicht mehr davor verschliessen.»

Die neu geschaffene Überbrückungshilfe hat zum Ziel, Personen in prekären Lebenslagen vor unmittelbarer Not zu schützen. Das Angebot richte sich primär an Personen mit einem Aufenthaltsstatus B und C, aber auch F oder L, an Sans-Papiers und Menschen, die im Sexgewerbe tätig sind.

Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen

Seit einigen Jahren gibt es einen sogenannten «Runden Tisch der Armut». Dieser ermöglicht eine enge Zusammenarbeit in der Armutsbekämpfung in der Stadt Bern. Nicht nur die Behörden, sondern auch verschiedene Organisationen privater und kirchlicher Natur sind involviert.

Diese hätten engen Kontakt zur Armutsbevölkerung in der Stadt Bern. Hänzi erklärt gegenüber BärnToday, dass man in diesem Rahmen entschieden habe, dass die Sozialarbeitsstelle der katholischen Kirche am geeignetsten sei, um das Projekt durchzuführen.

Die Sozialarbeitsstelle der römisch-katholischen Kirche verfüge über einen guten Zugang zur Zielgruppe. Zudem fügte Ruedi Heim, leitender Priester des Pastoralraums Region Bern, an, dass man mit weiteren Partnerinstitutionen zusammenarbeiten wolle.

Die Stadt Bern lanciert mit der Katholischen Kirche ein Pilotprojekt für Überbrückungshilfen.
© Raphaël Zwahlen / Keystone-SDA

Gegenüber BärnToday führt Franziska Teuscher aus: «Gerade die sozialen Organisationen in der Stadt Bern wissen natürlich, welche Zielgruppe speziell von Armut betroffen ist.» Laut Hänzi ist eine Zusammenarbeit mit der Sanspapier-Fachstelle und Xenia geplant.

Miete, Zahnarzt oder Winterpulli

Die Hilfe diene der Sicherung des Lebensbedarfs für Wohnen, Essen, Kleidung und Gesundheit.  Die Limite liege bei Einzelpersonen bei 3000 und bei Paaren bei 5000 Franken. Dazu kommen zusätzlich 500 Franken pro Kind. Die Hilfe sei grundsätzlich auf sechs Monate befristet.

Claudia Hänzi gibt Beispiele: «Übernommen wird zum Beispiel eine ausstehende Miete, oder man muss den Zahn flicken oder braucht eine neue Winterjacke. Das sind überschaubare Sachen, die es braucht.» Es würden kein Bargeld ausgezahlt, sondern Rechnungen für ganz spezifische Ausgaben übernommen.

Das Vorhaben kostet Bern rund 220'000 Franken. Dieses Geld sei in der Strategie zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration enthalten. Das Pilotprojekt wird von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) begleitet. Im Herbst dieses Jahres will die Stadt mittels einer Auswertung entscheiden, ob sie das Projekt im Jahr 2024 weiterführt.

Teuscher betont, dass der Kontakt jeweils auch mit einer Beratung verbunden ist: «Das Ziel muss sein, dass man Leuten, die finanzielle Not erleben, Wege aufzeigen kann, wie sie wieder selbstständig werden können. Oder wie sie Sozialhilfe beziehen können, ohne Angst zu haben, dass es für sie negative Konsequenzen hat.»

(sda/ade)

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 17. Januar 2023 12:24
aktualisiert: 17. Januar 2023 16:45