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Stadt Bern will Personalmangel im Taxigewerbe bekämpfen – doch gibts diesen überhaupt?

Vereinfachter Berufseinstieg

Stadt Bern will Personalmangel im Taxigewerbe bekämpfen – doch gibts diesen überhaupt?

08.03.2023, 14:56 Uhr
· Online seit 08.03.2023, 13:38 Uhr
Ein Versuch in der Stadt Bern soll zeigen, ob eine provisorische Taxibewilligung ein taugliches Mittel ist, um den Personalmangel in der Branche zu beheben. Angehende Taxifahrende können so die Eignungsprüfung nach dem Berufseinstieg nachholen. Wie kommt diese Massnahme an? Taxiunternehmen und selbstständige Taxifahrer sind unterschiedlicher Meinung.
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Im Berner Taxigewerbe herrscht Personalmangel – zumindest laut den beiden grössten Berner Taxiunternehmen Novataxi und Bärentaxi. Nun reagieren die Behörden: Am Dienstag gab die Stadt Bern bekannt, ab 1. April während zwei Jahren an einer Versuchsordnung des Kantons teilzunehmen. Diese sieht vor, angehenden Taxifahrerinnen und Taxifahrern provisorische Bewilligungen auszustellen. Damit können sie neu Eignungsprüfungen, wie beispielsweise die Kenntnisse der gesetzlichen Bestimmungen, nicht vor, sondern erst bis zum Ablauf der provisorischen Bewilligung absolvieren. Werden die Prüfungen danach nicht absolviert, erlischt sie wieder.

Dies führe dazu, dass Interessierte schneller in den Beruf einsteigen könnten, betont Sicherheitsdirektor Reto Nause in der Mitteilung. «Damit stärken wir das Berner Taxigewerbe und können einen Beitrag zur Bewältigung der Personalknappheit leisten.»

Selbstständige: «Wir benötigen mehr Arbeit, nicht mehr Chauffeure»

Bei Taxi-Unternehmen kommt dieser Entscheid gut an. «Die Leute können eher arbeiten, wir haben sie schneller im Taxi und verlieren weniger. Sie können Erfahrungen sammeln und bestehen die Prüfungen einfacher. Ich sehe nur Vorteile für alle», sagt Novataxi-Geschäftsführer Daniel Kunz.

Ganz anders sehen das selbstständig erwerbende Taxifahrer. «Wir benötigen mehr Arbeit, nicht mehr Chauffeure. Chauffeure haben wir genug», sagt Khan, seit 14 Jahren selbstständiger Unternehmer im Taxigewerbe. «Wir können unsere Arbeit nicht mit noch mehr Chauffeuren teilen.»

Die Reaktionen der selbstständigen Berner Taxifahrer auf die provisorische Bewilligung siehst du im Video:

Quelle: BärnToday / Warner Nattiel

Einig sind sich alle Befragten: Nicht Personalmangel ist das Problem, sondern die mangelnde Taxi-Nachfrage.

Anstellungsbedingungen treibt viele in die Selbstständigkeit

Welche Rolle spielen Angebote wie Uber für die Berner Taxibranche? Auch diesbezüglich sind Taxiunternehmen und selbstständige Taxifahrer völlig unterschiedlicher Meinung. «Wenn – so wie jetzt – zehn unserer Fahrer unterwegs sind, wir aber ‹Büez› für 25 bis 30 Chauffeure haben, ist Uber für uns nicht spürbar», erklärt Novataxi-Geschäftsführer Kunz.

Selbstständige Taxichauffeure sehen in Uber sehr wohl eine Konkurrenz. Uber-Chauffeure dürfen zwar als Privatauto nicht durch die Altstadt fahren, können Fahrgäste aber überall abholen. So beispielsweise nach einem Fussball-Match: Das Wankdorf sei das einzige Stadion der Welt, das keinen Taxi-Stand habe, sagt ein Taxifahrer der BärnToday-Redaktion.

Die meisten der befragten Taxichauffeure sind bereits jahrelang selbstständig. Einige davon waren davor für ein Unternehmen tätig. Dies sei jedoch oft mit Nachteilen wie beispielsweise schlechtem Lohn verbunden, verrät uns einer der selbstständigen Taxifahrer: «Die Sozialleistungen wurden nicht richtig gezahlt – es gibt nur Theater.»

Der Sprung in die Selbstständigkeit bedeutet also grössere Konkurrenz und auch weniger Sichtbarkeit. Alle der selbstständigen Taxichauffeure, die mit der BärnToday-Redaktion gesprochen haben, warten oft stundenlang auf Kundschaft und verdienen dabei oft keine 100 Franken pro Tag. Viele davon haben keinen eigenen Webauftritt, sondern verteilen Visitenkarten.

Von schlechten Anstellungsbedingungen hat auch Marc Heeb, Leiter des Polizeiinspektorats der Kapo Bern, bereits gehört. Aber: «Es ist aber für uns schwierig zu entscheiden, was ein schlechter Lohn ist und was nicht. Schlussendlich haben wir festgestellt, dass das Taxigewerbe keine Branche ist, in der man reich wird – auch wenn man selbstständig ist», betont Heeb.

Mehr Anerkennung gewünscht

Reich werde man auch nicht, wenn man ein Taxiunternehmen führe, sagt Markus Kunz, Geschäftsführer von Novataxi. «Ich verdiene heute 0 Franken. Ich mache seit mehr als fünf Jahren keinen Gewinn mehr. Wenn wir eine schwarze 0 haben, arbeiten wir gut. Diese Diskrepanz zwischen Kosten und Einkommen ist relativ gross und teilweise auch nicht erklärbar.»

Für die Zukunft der Taxibranche wünscht sich Kunz mehr Anerkennung durch die Öffentlichkeit: «Leider wird der Beruf Taxifahrer, Taxifahrerin nicht genügend wertgeschätzt. Heute gilt ein Taxifahrer in vielen Augen als Gescheiterter. Dabei leisten sie tagtäglich sehr viel und sind stets den Launen der Fahrgäste ausgesetzt.»

In zwei Jahren wird die Versuchsordnung evaluiert. Ob sich die provisorischen Bewilligungen, die die Stadt Bern als Pilotgemeinde einführt, lohnen, dürften Taxiunternehmen und Selbstständige Taxifahrende wohl auch zu diesem Zeitpunkt unterschiedlich beurteilen.

veröffentlicht: 8. März 2023 13:38
aktualisiert: 8. März 2023 14:56
Quelle: BärnToday

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