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Verbliebene Berner Stadtkinos stellen sich neu auf

Wandel bei Berner Stadtkinos

«Jetzt müssen wir mehr grosse Blockbuster ins Programm nehmen»

07.08.2022, 12:29 Uhr
· Online seit 07.08.2022, 08:01 Uhr
Seit 2019 ist Quinnie Cinemas fast alleine in der Berner Innenstadt vertreten. Wie verändern sich die Gewohnheiten der Kinogänger und hat es auch Nachteile, die einzigen Leinwände in der Stadt zu haben?
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Avatar: The Way of Water, Black Panther: Wakanda Forever, Three Thousand Years of Longing – wer gerne ins Kino geht, dem wird dieses Jahr noch einiges geboten. Doch betreffend Kino wurde in Bern in den letzten Jahren eine Frage immer zentraler: Wo gehe ich überhaupt hin?

2018 hatte die Kinobetreiberin blue Cinema in Muri den Cinedome mit zehn Sälen eröffnet und schloss dafür bis 2019 alle ihre sieben Kinos in der Berner Innenstadt. Ein weiterer Kinokomplex mit elf Sälen findet sich mit dem Kino Pathé im Westside Brünnen. In der Innenstadt hingegen ist nur noch Kinobetreiberin Quinnie mit mehreren Kinos vertreten.

«Jede Stadt braucht eigene Kinosäle»

Quinnie Cinemas ist mit sieben Kinosälen – inklusive dem fremdbetriebenen aber administrativ eingebundenen CinéABC – in der Bundeshauptstadt vertreten. Und das soll auch in Zukunft so bleiben, wie Quinnie-Geschäftsleiterin Leja Potur im Gespräch erklärt: «Wir sind der Meinung ‹Jede Stadt braucht eigene Kinosäle›. Multiplex-Kinos sehen oft alle gleich aus und haben am speziellen Kino-Charme verloren. In der Stadt hingegen hat man oft noch ein Lieblingskino, das ist etwas Besonderes.»

Die Kinos haben einen schweren Stand: Durch die Coronapandemie sind die Besucherzahlen stark eingebrochen.

Potur erklärt, dass auch gestoppte und verschobene Produktionen aus dem Ausland für grosse Unsicherheiten sorgen – im Moment besonders mit Blick auf Ende Jahr: «Herbst und Winter sind unsere Spitzensaisons, mit welchen wir normalerweise Reserven für die Sommerzeit anlegen».

Alleine in der Stadt zu sein, hat auch Nachteile

Der Rückzug der blue Cinema AG aus der Innenstadt habe nicht unbedingt nur Vorteile für die Quinnie Cinemas, wie Lejla Potur erklärt. Als eine der letzten verbleibenden grossen Kinobetreiberinnen in der Stadt «mussten» die Quinnie Kinos nun mehr Blockbuster-Produktionen ins Programm nehmen, welche man früher eher anderen Kinos überlassen hätte. Darüber freuen sich nicht alle: «Wir haben auch Rückmeldungen erhalten, dass unsere Besucherinnen und Besucher mit der neuen Programmatik manchmal nicht einverstanden sind», sagt Potur.

Früher hätten sich treue Kunden oftmals auf die gute Auswahl der Quinnie Kinos verlassen, ohne gross auf das Programm zu schauen, weiss die Geschäftsführerin. «Jetzt müssen wir diesen Spagat machen.» Dies führt zu weiteren Problemen, wie Lejla Potur erklärt: «In der Stadt hat es in manchen Monaten zu wenige Leinwände, um allen Filmen gerecht zu werden.»

Auch wenn ein Film eine schlechte Startwoche hat, möchten die Verantwortlichen der Quinnie Kinos diesen trotzdem im Programm behalten. Das ist aber nicht immer so einfach. «In manchen Wochen hat es schlicht keinen Platz für Filme, welche wir gerne hätten oder im Programm behalten möchten», so Potur.

Nicht jeder Blockbuster ist ein Garant für viele Besucherinnen und Besucher: So lief «Jurassic World: Ein neues Zeitalter» eher schlecht als recht, wie die Quinnie-Geschäftsführerin erklärt. Nur auf eine Reihe sei Verlass: «Beim neuen Bond hat man letztes Jahr in den Kinos gar nicht mehr gemerkt, dass überhaupt Corona ist.» Einen neuen James Bond gebe es aber leider auch nicht jedes Jahr.

Doch hat sich für die blue Cinemas der Umzug nach Muri gelohnt? Auf Anfrage lässt die blue Entertainment AG verlauten, dass der Wechsel der Ausgangsgewohnheiten für einen Kinobesucher immer etwas länger brauche: «Die Pandemie ist uns hier auch dazwischen gekommen. Um eine Auswertung zu machen, braucht es also nach der Krise noch etwas Zeit.»

Bei Pathé Westside will man auf Anfrage nicht konkret auf die veränderte Kinolandschaft in der Stadt Bern eingehen. So heisst es etwa: «Unser Programm orientiert sich dynamisch an sich verändernden Bedürfnissen.» Man bedauere aber jede Kino-Schliessung zutiefst. «Unser Glaube an das Medium ist ungebrochen, und wenn die Präsenz des Kinos in der Wahrnehmung der Bevölkerung schwindet, ist dies natürlich nicht in unserem Sinn», erklärt der Kinogigant.

Das Kino als Erlebnis

Gefahren für die Kinozukunft lauern nicht nur bei der Konkurrenz, sondern auch in den meisten Wohnzimmern – oder Hosentaschen: Netflix, Disney+ und Co. Doch durch die zahlreichen Streamingdienste sieht Potur die Kinos nicht bedroht. Der Film im Kino sei ein ganz anderes Erlebnis, erzählt Lejla Potur begeistert: «Mit anderen Menschen zusammen zu lachen, das gibt richtige Glücksgefühle. So etwas bietet kein Streaming zu Hause.»

Trotzdem muss sich der moderne Kinobetrieb auch der Zeit anpassen. Kino «nur» als Film sei heutzutage sehr schwierig, so Potur: «Seit 2015 konzentrieren wir uns auch mehr auf Events, so kann man Kinosäle etwa als Gruppe oder Unternehmen mieten. Bei uns fand etwa schon der Nationaltag der finnischen Botschaft oder Sitzungen des schweizerischen Nationalfonds statt. Es gilt eine gesunde Waage zu halten, sodass weder Kino noch Events zu kurz kommen.»

veröffentlicht: 7. August 2022 08:01
aktualisiert: 7. August 2022 12:29
Quelle: BärnToday

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