Geldpolitik

SNB-Chef: Zurückhaltung der Firmen für Preiserhöhungen schwindet

27. August 2022, 19:30 Uhr
Die erste Leitzinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) seit 15 Jahren im Juni ist laut SNB-Chef Thomas Jordan unter anderem Folge der höheren Bereitschaft der Unternehmen zu Preisaufschlägen.
Ein Zuwarten hätte gemäss Jordan möglicherweise später drastischere Schritte nötig gemacht. (Archivbild)
© KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Die lange Zeit bestehende Zurückhaltung der Schweizer Unternehmen, die Preise zu erhöhen, ist nach Ansicht der Notenbank weitgehend verschwunden.

Mikropreisdaten würden darauf hindeuten, dass Unternehmen ihre Preispolitik in den letzten Monaten an die gestiegene Inflation angepasst hätten, sagte Jordan am Samstag in einer Rede am viel beachteten Notenbankertreffen im amerikanischen Jackson Hole: «So ist der Anteil der Waren und Dienstleistungen mit steigenden Preisen im Landesindex der Konsumentenpreise angewachsen, während der Anteil mit sinkenden Preisen praktisch konstant geblieben ist.»

Das veränderte Verhalten der Unternehmen erleichtere die Ausbreitung der Preissteigerungen auf weitere Güterklassen. «Diese Erkenntnisse machten klar, dass der Inflationsanstieg nicht allein als Folge der durch die Pandemie und den Krieg ausgelösten temporären Angebotsschocks zu verstehen ist. Dies hat uns in unserem Entscheid bestärkt, relativ rasch auf den Anstieg der Inflation zu reagieren», sagte Jordan.

Gefahr der Unterschätzung der Inflation

Ohne die Zinserhöhung im Juni würde die Inflation mit grosser Wahrscheinlichkeit mittelfristig deutlich über dem Bereich der Preisstabilität verharren. Diese sieht die SNB bei einer Teuerung der Konsumentenpreise zwischen 0 und 2 Prozent pro Jahr.

«Die Auslöser für den jüngsten Anstieg der Inflation mögen zu einem guten Teil Angebotsschocks mit temporärer Wirkung auf die Inflation sein. Da aber ein Anstieg des anhaltenden Inflationsdrucks im gegenwärtigen Umfeld nur schwer identifizierbar ist, besteht das Risiko, die Hartnäckigkeit der Inflation zu unterschätzen», sagte Jordan.

Ein Zuwarten hätte die Notwendigkeit eines abrupteren und stärkeren Zinsanstiegs zu einem späteren Zeitpunkt nach sich gezogen. Dies hätte das Risiko eines grösseren Wirtschaftseinbruchs mit Gefahren für die Finanzstabilität gebracht.

«So zeigen die Erfahrungen der Nationalbank aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren, der letzten Phase mit höherer Inflation in der Schweiz, dass eine ausgesprochen restriktive Geldpolitik mit gravierenden realwirtschaftlichen Folgen nötig sein kann, wenn die Inflation einmal ein bestimmtes Niveau überschreitet», sagte Jordan.

Bremsmanöver ohne Konjunkturschock

Der im Bezug zur Inflationsentwicklung vergleichsweise frühe und deutliche Kurswechsel sowie der Ausblick auf eine mögliche weitere Straffung in naher Zukunft hätten somit darauf abgezielt, die mittelfristige Preisstabilität zu gewährleisten, ohne die Konjunktur allzu stark zu belasten, sagte der Präsident des SNB-Direktoriums.

Auch der längerfristige Ausblick für die Geldpolitik sei von hoher Unsicherheit geprägt. Strukturelle Faktoren könnten dafür sorgen, dass das Umfeld längere Zeit inflationär bleibt.

Faktoren wie die Tendenz zur Deglobalisierung oder verstärkte Investitionen in den Klimaschutz und die Verteidigung könnten den Kapitalbedarf und damit das Zinsniveau global nachhaltig erhöhen, sagte Jordan. Gerade ein Rückgang der globalen wirtschaftlichen Integration könnte die Preissetzungsmacht der Unternehmen erhöhen, so dass Preiserhöhungen leichter durchgesetzt werden könnten.

Absage an Änderung der Preisstabilitätsziele

Auch in dieser turbulenten Zeit hält die SNB an ihrer Definition von Preisstabilität mit einem Anstieg der Konsumentenpreise zwischen 0 und 2 Prozent pro Jahr fest. Einer Änderung dieser Definition hin zu einem Punktziel für die Teuerung oder hin zu einer höheren Inflation erteilte Jordan eine Absage: «Wir sind der festen Überzeugung, dass sich unsere Definition der Preisstabilität auch unter den schwierigen Umständen der letzten 15 Jahre bewährt hat.»

Ein deutlich höheres Inflationsziel wäre nicht mit dem gesetzlichen Mandat der SNB vereinbar. «Zudem entspräche es nicht der starken Vorliebe der Schweizer Bevölkerung für tiefe Inflation. Höhere Inflationsraten würden hierzulande weder verstanden noch akzeptiert werden», sagte Jordan.

Und ein Punktziel für die Inflation würde die Geldpolitik der SNB unnötig erschweren. Mit der gegenwärtigen Definition von Preisstabilität zwischen 0 und 2 Prozent könne die SNB die Inflation längere Zeit am oberen oder auch am unteren Ende dieses Bereichs verharren lassen, ohne dass die Glaubwürdigkeit der Nationalbank dadurch leide. «Insbesondere können wir so unterschiedliche globale Inflationsregimes besser absorbieren», sagte Jordan.

Quelle: sda
veröffentlicht: 27. August 2022 20:38
aktualisiert: 27. August 2022 20:38
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