Menschenrechte in Katar

«Die Fifa steht zuvorderst in der Verantwortung»

Philippe Flück, 16. November 2022, 08:05 Uhr
Die Menschen- und Arbeitsrechtslage in Katar sorgt auch kurz vor der WM für grosse Diskussionen. Joachim Merz, Programmleiter Südliches Afrika und Bolivien bei der Organisation «Solidar Suisse», erklärt, wie die Schweiz Verantwortung übernehmen kann.
Die WM in Katar steht in der Kritik. Im Bild: Fans des SC Freiburg rufen zum Boykott der WM auf.
© KEYSTONE/DPA/Tom Welle
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Was sind die Hauptkritikpunkte an der WM in Katar?

Joachim Merz: Es gibt eine ganze Liste von Kritikpunkten. Die WM hätte gar nicht erst an Katar vergeben werden dürfen: Die Vergabe war bereits korrupt – Stimmen für Katar wurden gekauft –, ausserdem hat das Land null Fussballtradition. Weiter respektiert das Land die Menschenrechte nicht, Frauen sind nicht gleichberechtigt, Homosexualität steht unter Strafe und es herrschten miserable Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen, die man klar als moderne Sklaverei bezeichnen muss. All das ergibt einen ganzen Strauss an Kritikpunkten, den es in dieser Dichte bei anderen WMs noch nie gab.

Was fordert Solidar Suisse?

Noch kann etwas getan werden. Gemeinsam mit anderen Menschenrechtsorganisationen fordern wir eine Entschädigung für die verletzten oder getöteten Arbeiterinnen und Arbeiter beziehungsweise deren Familien. Hierbei gehen die Zahlen stark auseinander: Die Fifa spricht von drei Toten, Menschenrechtsorganisationen hingegen von mehreren tausend. Der Entschädigungsfonds, den wir fordern, soll 440 Millionen US-Dollar betragen. Das ist so viel wie die Preisgelder, die von der Fifa an die teilnehmenden Mannschaften ausbezahlt werden. Verschiedene nationale Fussballverbände, darunter auch die Schweiz, unterstützen diese Forderung nach Entschädigung.

Joachim Merz ist Programmleiter Südliches Afrika und Bolivien bei der Schweizer Entwicklungsorganisation Solidar Suisse.

© ZVG

Sie sehen also auch die Fifa in der Verantwortung und nicht nur die Regierung von Katar?

Ja, die Fifa ist klar in der Verantwortung: Es ist ihr Turnier, sie ist die Ausrichterin, sie kassiert ab und sie streicht die Gewinne ein. Nun kann sich die Fifa nicht verstecken und sagen, die Verantwortung liege bei der Regierung des Ausrichterlandes. Bei der Ausschreibung und beim Zuschlag hätte die Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte eine ganz wichtige Rolle spielen müssen. Darauf hätte die Fifa pochen können, hat sie aber nicht und deshalb steht sie zuvorderst in der Verantwortung.

Die Fifa will nicht, dass WM in eine «ideologische oder politische Schlacht» hineingezogen wird. Was halten Sie davon?

Die Fifa versucht sich hier aus der Verantwortung zu stehlen. Aber Spitzensport und vor allem eine Fussball-WM sind nun mal politisch. Die Austragungsländer nutzen das Turnier als Chance, sich gegenüber dem Ausland zu profilieren und intern die Reihen zu schliessen. Die Fifa wiederum behauptet, die WM eine die Völker und gebe Entwicklungsinputs. Katar nutzt den Spitzensport zur Bildung von politischer Soft Power. Ausserdem betreibt Katar auch «Green Washing» und spricht von einer emissionsneutralen WM. So redet sie ihren horrend hohen CO2-Ausstoss schön. Das alles ist politisch. Deshalb argumentieren auch wir politisch und fordern: Kein Sportspektakel ohne Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte.

Was kann die Schweizer Nationalmannschaft konkret tun, während der Teilnahme am Turnier?

Sie kann mit offenen Augen und einem kritischen Blick an der WM teilnehmen. Spieler, Betreuer, und Medienschaffende sollen kritische Fragen stellen, sich äussern und Menschenrechtssituationen in Frage stellen. Wenn der Ball erstmals rollt, darf nicht vergessen werden, dass es eine Realität gibt ausserhalb der Stadien und da muss man auch hinschauen. Sportlerinnen und Sportler sind auch Botschafter von positiven Werten, wie den Menschenrechten.

Hätte die Schweiz als Land bei der Vergabe der WM etwas bewirken können? Schliesslich hat die Fifa ihren Sitz in Zürich.

Bei der Vergabe selbst waren die Einflussmöglichkeiten der Schweiz gering. Aber natürlich kann die Schweiz als Land etwas tun. Sie könnte beginnen, die Fifa als das anzusehen, was sie ist: Ein milliardenschweres, profitorientiertes Unternehmen. Die Fifa ist nicht steuerbefreit, wie manche Kritiker fälschlicherweise behaupten, sie zahlt Steuern, aber eben als gemeinnützigen Verein. Das geht völlig an der Realität vorbei, wenn man sieht, was die Fifa für Gewinne einfährt. Hier muss sich in der Schweizer Politik etwas bewegen. Es gab dazu in den letzten Jahren schon einige Vorstösse von Parlamentarierinnen und Parlamentariern, aber es gibt noch viel Luft nach oben.

Was können einzelne Zuschauerinnen und Zuschauer tun, beispielsweise die WM boykottieren?

Ich bin auch Fussballfan und muss sagen, dass ich bisher null Fussballfieber verspüre. Auch wenn es schwerfällt, versuche ich, den Bildschirm so oft wie möglich ausgeschaltet zu lassen. Mit einer medialen Teilnahme legitimiert man die WM. Darüber hinaus kann man die WM auch als Plattform für Kritik nutzen. In Zukunft gilt es auch, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber der Fifa, aber auch gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee, wenn es um die Vergabe solcher sportlichen Mega-Anlässe wie WM oder Olympische Spiele geht.

Die WM hat eine hohe mediale Präsenz. Kann dies die Diskussion um die Menschenrechte weiter antreiben?

Ja. Dabei finde ich es sehr gut, und ich hätte es so nicht erwartet, dass die Medien kurz vor der WM begonnen haben, richtig kritisch zu werden. Ich dachte, das würde alles in der reinen Sportberichterstattung untergehen. Das ist sehr positiv und ich hoffe, das bleibt auch so, wenn der Ball erstmal rollt. Wichtig ist, dass man kritisch bleibt, auch nach der WM.

Wenn wir noch weiter in die Zukunft blicken: Was muss bei der Vergabe der nächsten Grossanlässe passieren?

Solidar Suisse forderte bereits 2010, im Vorfeld der WM in Südafrika, dass die Fifa die Vergabe transparenter macht und an klare Kriterien binden muss. Dazu gehört zwingend, dass die Menschen- und Arbeitsrechte eingehalten werden, entsprechend den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die Pflichten von Staaten und Unternehmen festhalten. Diese Leitprinzipien müssen auch für Sportverbände angewendet werden, die Grossanlässe organisieren. Die Fifa hat nach jahrelangem Druck versprochen, diese bei der Vergabe auch zu berücksichtigen. Klar ist aber auch: Wenn die Fifa behauptet, dass sich wegen ihr die Menschenrechtslage in Katar verbessert, dann ist das krasse Schönfärberei. Richtig ist: Trotz der Fifa verbessert sich langsam die Arbeitsrechtsituation – aufgrund des Drucks einer kritischen Öffentlichkeit.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 16. November 2022 08:03
aktualisiert: 16. November 2022 08:05