Nützliche Mitbewohner

Darum solltest du Spinnen im Haus nicht töten

Lara Aebi, 21. Oktober 2022, 16:00 Uhr
Spinnen sind in der Regel ungebetene Hausgäste: Viele Menschen fürchten sich vor den achtbeinigen Insekten und töten sie. Dabei nützen sie uns auch, indem sie Schädlinge vertilgen.
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Wer kennt es nicht? Man befindet sich in seiner Wohnung, denkt über Gott und die Welt nach und ahnt nichts Böses – bis man plötzlich eine Spinne entdeckt.

Für mache ist es ein Grund zum Kreischen, andere machen kurzen Prozess und töten die Achtbeiner auf der Stelle. Gar nicht nötig, sagt der Spinnen-Experte Wolfgang Nentwig. Denn eigentlich haben Spinnen für uns Menschen durchaus auch ihren Nutzen.

Drinnen überleben nur Hausspinnen

Doch nicht alle Spinnen können in Innenräumen überleben. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen Hauspinnen, die ständig im Haus leben, da sie auf trockenes und frostfreies Klima angewiesen sind. Typische Schweizer Spinnen, von denen es über 1000 Arten gibt, sind an Kälte und Frost gewöhnt, überleben jedoch in Innenräumen nicht lange, da sie die trockene Luft während der Heizungsperiode schnell austrocknen lässt.

Unsere Wahrnehmung, dass Spinnen vor allem im Herbst vermehrt in unseren Wohnungen anzutreffen sind, ist daher ein Irrglaube. «Im Herbst gibt es keine nennenswerte Spinnenwanderung von aussen in unsere Häuser. Unsere Wahrnehmung mag eine andere sein, vielleicht weil sich einzelne Spinnen nach innen verirren (was aber das ganze Jahr über passieren kann) und dann schnell ‹verschwinden›, also irgendwo in einer Ecke sterben», erzählt Wolfgang Nentwig, Mitautor des Buches «Spinnen – alles, was man wissen muss.»

«Oder wir nehmen die Männchen der Hauswinkelspinnen wahr (braune, behaarte Spinnen, die nicht aus Badewannen oder Lavabos klettern können), die im Herbst vermehrt auf der Suche nach Weibchen sind, keine Netze mehr bauen, sondern nur noch umherlaufen», erzählt Nentwig. Insofern sei die Annahme, dass Spinnen ein Zeichen für ein gutes Raumklima sind, ein Trugschluss.

Weniger Schädlinge dank Spinnen

Die Fangnetze, die Spinnen in Wohnungen weben, fangen Staub und Dreck ein, was wir oft als Verunreinigung empfinden. Gepaart mit Angst oder Ekel, welche viele Menschen gegenüber den Achtbeinern empfinden, saugen wir Spinnen oft in voller Absicht mit dem Staubsauger ein oder töten sie auf andere Weise. Erstere Variante ist übrigens keine Garantie, dass die Spinne stirbt.

Dabei haben die Insekten durchaus auch ihre Vorteile: Sie fangen Schädlinge. In ihren Spinnennetzen verfangen sich Kleidermotten, Lebensmittelmotten, Silberfische, Trauermücken, Stechmücken, Stubenfliegen, Tau- und Essigfliegen und viele mehr. Anstatt übel riechende und/oder klebende Fallen aufzustellen, kann man also getrost Spinnen leben und ihre Arbeit machen lassen.

Wer Spinnen trotzdem nicht drinnen haben möchte, braucht sie nicht zu töten, sondern kann sie mithilfe von Papier und Glas fangen und draussen aussetzen.

Woher die Angst vor Spinnen stammt

Wer Angst vor den Achtbeinerinnen hat, leidet unter Arachnophobie. Der Ursprung dieser Angst sei bis heute nicht eindeutig geklärt, schreibt Nentwig in seinem Buch «Spinnen – alles, was man wissen muss». Zwar haben alle Schweizer Spinnenarten kleine Giftdrüsen. Die ausgestossenen Giftmengen sind jedoch viel zu klein, um einem Menschen ernsthaften Schaden zuzufügen. Dazu kommen gemäss Nentwig drei weitere Gründe: «Erstens können die wenigsten Spinnen aufgrund ihrer Kleinheit durch unsere dicke Haut beissen (da kämen nur noch ein oder zwei Dutzend Arten in Frage), zweitens sind die Effekte eines Spinnenbissens wegen der geringen Giftmenge weniger gravierend als ein Moskitostich, drittens haben fast alle Spinnenarten Angst vor uns.»

Im ihrem Buch greifen Nentwig und seine Mitautoren verschiedene Erklärungsansätze auf, woher die Spinnen-Angst stammt. Einerseits geben verschiedene Arachnophobiker an, von den acht Augen, den schwarzen Beinen oder der schnellen Bewegung der Spinnen abgeschreckt zu werden. Es brauche jedoch nicht einmal persönliche negative Erfahrungen mit Spinnen – häufig werde Kindern die Spinnenphobie durch ihre Eltern oder Grosseltern weitergegeben.

Arachnophobie ist heilbar

Gute Nachrichten gibt es für alle, die sich ihrer Spinnen-Phobie stellen möchten: Arachnophobie ist heilbar. Gemäss Nentwigs Buch ist der vielversprechendste Ansatz dafür die Konfrontationstherapie. Dabei werden Betroffene unter kontrollierten Bedingungen und unter ständiger Absprache mit der therapeutischen Begleitung in kleinen Schritten, die selbstbestimmt festgelegt werden können, mit den Achtbeinerinnen konfrontiert. Das Aushalten der Angst führe schlussendlich dazu, dass sie geringer werde. In der Regel würden Betroffene bereits nach einem halbtägigen Kurs eine deutliche Verbesserung in ihrem Alltag bemerken. Solche Kurse werden in der Schweiz beispielsweise von der Universität Zürich angeboten. Auch Apps sollen helfen, Spinnen besser zu ertragen.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 23. Oktober 2022 11:08
aktualisiert: 23. Oktober 2022 11:08