Kalifornien wills wissen

Machen spätere Schulanfangszeiten Teenager glücklicher?

19. September 2022, 07:00 Uhr
Seit Juli können Studierende in Kalifornien länger schlafen. Denn ein neues Gesetz verbietet einen Schulstart vor 8.30 Uhr. Auch andere Staaten liebäugeln nun damit. Es soll besser für die Psyche und Leistung der Jugend sein.

7 Uhr in der Früh: Die Augen kaum offen und schon Algebra oder Chemie in der Schule büffeln. Für Kinder in Kalifornien ist das Geschichte. Denn am 1. Juli trat ein Landesgesetz in Kraft, das die meisten Gymnasiasten davor schützt, vor 8.30 Uhr mit dem Unterricht beginnen zu müssen – das erste Gesetz dieser Art bundesweit. Andere Staaten, darunter New York und New Jersey, erwägen nun mitzumachen, wie «The Guardian» berichtet.

Mehr Schlaf nötig

Beth Ann Malow, Neurologin und Schlafexpertin am Vanderbilt University Medical Center, befürwortet das Gesetz. «Wir wissen, dass Kinder, wenn sie mehr Schlaf bekommen, gesünder sind. Sowohl ihre körperliche, als auch ihre psychische Gesundheit.» Denn Jugendliche brauchen mehr Schlaf als Erwachsene – acht bis neun Stunden, bei Erwachsenen sind es sieben bis acht.

Es geht um zirkadiane Rhythmen, die 24-Stunden-Muster, die unsere biologischen Zyklen regulieren, erklärt Phil Gehrman, ein klinischer Psychologe, der sich an der Universität von Pennsylvania auf Schlaf spezialisiert hat. «Wenn wir in die Pubertät kommen, beginnen sich unsere Rhythmen später zu verschieben», sagt er. «Sie verzögern sich durchschnittlich um etwa zwei bis drei Stunden.»

Schlafexperte Matthew Walker von der University of California, Berkeley hat dazu im Sommer einen guten Vergleich gemacht, schreibt «The Guardian» weiter: «Einen Teenager zu bitten, wach zu sein und zu versuchen, Informationen um 8.30 Uhr morgens in gewisser Weise aufzunehmen, ist wie einen Erwachsenen zu bitten, um 4 Uhr morgens mit guter Gnade, guter Laune, positiver Stimmung aufzuwachen und Informationen effizient zu lernen.»

Schwierig in der Umsetzung

2019 wurde das neue Gesetz von Gouverneur Gavin Newsom unterzeichnet, jedoch hagelt es auch Kritik von verschiedenen Schulverbänden. Denn ihrer Meinung nach sei es insbesondere für Jugendliche schwierig, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, ihren Arbeitstag später zu beginnen.

Ein anderes Problem stellen die Schulbusverbindungen, die somit gestaffelt werden müssten, aber auch ausserschulischen Aktivitäten dar. Schüler müssten gegen die Zeit kämpfen, damit sie rechtzeitig zum Praktikum, Sport oder andere Aktivitäten kommen.

Dennoch glaubt Gehrman, wie Malow, aus einer rein gesundheitsorientierten Perspektive, dass Gesetze wie das kalifornische eine gute Idee seien. Bei Teenagern könne das einen enormen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit haben.

In der Schweiz angekommen

Auf Anfrage beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) sei dieses Thema nicht neu, wie Zentralpräsidentin Dagmar Rösler sagt. «Die Thematik ist bekannt und es ist tatsächlich erwiesen, dass viele Jugendliche ‹Startschwierigkeiten› in der ersten Stunde haben. Es gibt einige Schulen in der Schweiz, die ähnliche Pilotprojekte durchgeführt haben.»

Unter anderem die Universität Basel. Das dortige Psychologenteam habe vor gut sieben Jahren herausgefunden, dass Schüler und Schülerinnen fitter sind, wenn der Unterricht später startet – auch schon bei einer kleine Verschiebung des. Diese Erkenntnis hatte Folgen: Seit dem Schuljahr 2015/16 beginnt in Basel-Stadt die 1. bis 9. Klasse den Unterricht um 8 Uhr. Die Leitung der Schule Munzinger in Bern hat sich 2014 sogar auf 8.30 Uhr geeinigt.

Bedenken habe sich nicht bestätigt

Der LCH unterstütze solche Projekte, die den Jugendlichen das Lernen erleichtern, weisst aber auch auf Bedenken hin, wie der Übergang ins spätere Berufsleben: «Viele Betriebe beginnen den Arbeitstag ebenfalls zu früher Stunde. Ausserdem müssten die Lektionen in der Schule, die dann in der Früh nicht abgehalten werden können, am Ende des Tages – also gegen Abend – angehängt werden.»

Diese Bedenken hatten zuerst auch die Eltern von Schüler und Schülerinnen der Schule Munzinger, wie es im «Bildung Schweiz 2017» vom LCH heisst. Trotz der fehlenden Lektion am Morgen lasse sich jedoch ein vernünftiger Stundenplan machen, wie ein Sekundarschullehrer sagte. Zudem sei die anfänglichen Kritik am Modell seitens der Eltern verflogen und falle mittlerweile positiv aus: «Die Kinder sind zufriedener, weil sie am Morgen selbständig und ohne Zwang aufstehen können.»

(joe)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 15. September 2022 10:50
aktualisiert: 19. September 2022 07:00
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