Angehörige wollen Gerechtigkeit

2014 wurde das Flugzeug MH17 abgeschossen – heute soll das Urteil kommen

17. November 2022, 14:28 Uhr
Mehr als acht Jahre nach dem Abschuss des Passagierfluges MH17 mit 298 Toten wird ein Strafgericht in den Niederlanden am Donnerstag sein Urteil gegen vier mutmassliche Täter verkünden.
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Es war ein strahlender Sommertag, als die Boeing 777 der Malaysia Airlines mit Flugnummer MH17 am 17. Juli 2014 vom Amsterdamer Flughafen Schiphol abhob. 12:31 Uhr. Keine drei Stunden später war die Maschine explodiert. Alle 298 Menschen an Bord waren tot.

In gut 10 Kilometer Höhe über umkämpftem Gebiet in der Ostukraine war um 15:20 Uhr an der linken Seite des Cockpits eine Rakete explodiert. Hunderte kleinste Teilchen hatten das Flugzeug durchbohrt. Jedes einzelne ein tödliches Geschoss. An diesem Donnerstag wird ein Strafgericht in den Niederlanden sein Urteil gegen vier mutmassliche Täter verkünden - allerdings in Abwesenheit.

«Sie sind weg, für immer»

Piet Ploeg sass auf einer Terrasse in den Niederlanden, trank ein Gläschen mit Kollegen, als der Bericht vom Absturz kam. Die Maschine war auf dem Weg nach Kuala Lumpur, an Bord waren auch sein Bruder Alex, seine Schwägerin Edith und ihr 21 Jahre alter Sohn Robert. Später an dem Tag drang es zu ihm durch: «Sie sind weg, für immer. Und das zerreisst dir das Herz.»

Am Donnerstag will Ploeg im Gerichtssaal am Amsterdamer Flughafen Schiphol sitzen. Dort war seit März 2020 der Strafprozess geführt worden gegen vier Männer, die für den Abschuss verantwortlich sein sollen. «Wir haben acht Jahre und vier Monate auf diesen Tag gewartet», sagt Ploeg. Er ist auch Sprecher der Hinterbliebenen. «Wir hoffen, dass es ein Tag der Gerechtigkeit wird.»

Drei Russen und ein Ukrainer sind angeklagt

Die Opfer kamen aus zehn Ländern, vier davon aus Deutschland. Da die meisten Niederländer waren, findet der Prozess dort statt. Hunderte Angehörige wollen bei der Urteilsverkündung zugegen sein, davon etwa 80 aus Australien. Keiner wagt vorher zu sagen, wie das Urteil lauten wird. Klar ist nur, dass die vier Angeklagten - drei Russen und ein Ukrainer - nicht da sein werden und ihrer Strafe wohl entkommen werden. Alle vier sollen in Russland sein. «Das Land darf eigene Bürger nicht ausliefern», sagt Marieke de Hoon, Dozentin für internationales Strafrecht an der Universität von Amsterdam.

Die Angeklagten hatten damals hohe Funktionen bei den prorussischen Separatisten in der Ostukraine:

  • Igor Girkin war einst russischer Geheimdienstoffizier und Kommandant der Separatisten im Donbass, genannt «Strelkow».
  • Sergej Dubinski, ein früherer russischer Offizier und Stellvertreter Girkins. Oleg Pulatov wiederum war Dubinskis Assistent.
  • Leonid Chartschenko, der Ukrainer, soll eine Kampfeinheit in der Region geleitet haben.

Sie sollen der Anklage zufolge das Luftabwehrgeschütz vom Typ Buk besorgt haben und für den Abschuss der Rakete verantwortlich sein. Die Anklage lautet auf Mord in 298 Fällen. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haftstrafen.

Das Urteil wird nicht das letzte Wort im Verfahren sein

Der Fall MH17 war seit dem tragischen 17. Juli 2014 auch eine hochbrisante politische Frage. Russland sitzt nun zwar nicht auf der Anklagebank, doch könnte das Gericht indirekt eine Verantwortung feststellen. «Unsere Angehörigen waren die ersten internationalen Opfer des Ukraine-Krieges», sagt Ploeg.

Damals tobten im ostukrainischen Donbass bereits Kämpfe. Internationale Ermittler stellten fest, dass die Buk-Rakete aus Russland kam und der russischen Armee gehörte. Sie war den Ermittlern zufolge von einem Feld abgeschossen worden, das von den Rebellen kontrolliert wurde. Das Geschütz war anschliessend über die Grenze zurück nach Russland geschafft worden. Moskau weist alle Vorwürfe entschieden zurück und macht vor allem die Ukraine verantwortlich. Die Ermittlungen und das Gericht hat der Kreml auch nie anerkannt.

Das Urteil wird nicht das letzte Wort im Verfahren zu Flug MH17 sein. Die Juristin Marieke De Hoon rechnet mit einer anschliessenden Berufung und weist auch auf weitere Verfahren hin, wie etwa vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Doch Ploeg hofft für die Angehörigen auf eine Zäsur. «Ich hoffe, dass viele nun Abstand gewinnen können», sagt er. «Doch das Kapitel abschliessen, das kann nie geschehen.»

(sda/hap)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 17. November 2022 14:04
aktualisiert: 17. November 2022 14:28