Pionierprojekt in Bern

Eine WG für alle: Inklusion ohne grosses Aufsehen

David Kocher, Warner Nattiel, 21. August 2022, 12:16 Uhr
Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, die zusammen leben. Klingt eigentlich selbstverständlich, doch solche Angebote sind rar. Eine Lücke, die die Organisation Blindspot zu schliessen versucht – mit Erfolg.

Quelle: BärnToday / Warner Nattiel

In der Lorraine besuchte BärnToday vergangene Woche eine Vierer-WG. Eigentlich lebt man dort wie in jeder anderen WG auch: Es gibt einen «Ämtliplan», manchmal wird zusammen gespielt und gekocht und ab und zu geht man auch mal gemeinsam in eine Beiz oder an ein Konzert.

Doch das Spezielle daran: In der geräumigen Wohnung leben zwei Männer mit einer Beeinträchtigung und je ein Mann und eine Frau ohne Behinderung. Das ist ein Konzept, wie man es in der Schweiz bis jetzt kaum findet.

Dieses Wohngemeinschaftsprojekt startete vor etwas über einem Jahr – zwei Personen der Originalbesetzung wohnen auch jetzt noch dort. Bei der Ausschreibung der WG wurde man von Anfragen fast überrannt, wie Initiator und Gründer des Vereins Blindspot Jonas Staub erzählt: «Das hat mich sehr gefreut. Die Gesellschaft scheint sehr offen zu sein, aber das Angebot ist gering.»

Die Organisation Blindspot hat in den vergangenen Jahren in Bern schon weitere Inklusionsprojekte in den Bereichen Freizeit und Arbeit aufgebaut. Mit den gemischten Wohnungen nimmt der Verein nun ebenfalls eine Vorreiterrolle ein. Bereits jetzt gibt es Pläne zum Ausbau. Ende Jahr eröffnet im Ostring eine weitere inklusive WG, weitere in anderen Schweizer Städten wie Basel und Zürich sollen folgen.

Gelebte Integration: «Mega, mega cool»

In einem der grosszügigen WG-Zimmer sitzen Timmy, Silvan und Florian zusammen auf dem Sofa und unterhalten sich. Silvan lebt mit Trisomie, Florian hat Autismus und Timmy hat keine Beeinträchtigung. Wir haben mit den WG-Bewohnern gesprochen und sie gefragt, was sie am Zusammenleben schätzen.

Silvan wohnt erst seit kurzem in der WG, aber ihm gefällt es bereits jetzt «mega». Besonders schätzt er es, mit den Mitbewohnern zu reden, zu spielen und gemeinsam zu kochen. Für den 20-Jährigen mit Trisomie ist in der Lorraine-WG schlicht «alles perfekt». Auch Freunde seien schon richtig neidisch, wenn sie seine schöne WG und sein grosses Zimmer sehen.

Florian lebt schon seit über einem Jahr in der WG. Er ist 20 Jahre alt und hat Autismus. Früher hat er noch alleine gewohnt, dann ist er in die WG gezogen. «Wenn man alleine wohnt, hat man viel mehr Zeit für sich selbst, aber so kann man mehr mit anderen Menschen zusammen machen.» Durch seine Arbeit im Gastrogewerbe ist er zwar abends oft nicht zu Hause, es bleiben aber die fest geplanten gemeinsamen WG-Abende. Besonders gespannt ist er auf die geplante, baldige WG-Party.

«Diese Erfahrung vergisst man das ganze Leben nicht»

Timmy ist Anfang des Jahres in die WG eingezogen. Er und die vierte Mitbewohnerin Lisa haben keine Beeinträchtigung. Der Thurgauer ist durch ein ganz normales Inserat auf die Wohnung aufmerksam geworden. Im ersten Moment sei er etwas unsicher gewesen, erzählt er im Gespräch. «Dann habe ich mir das Projekt genauer angeschaut und festgestellt, dass ich mir Inklusion genau so vorgestellt habe: Nicht zu gross auf die Fahne schreiben, sondern einfach im Alltag leben.»

Timmy gefällt die Wohnsituation, doch sei es auch sehr intensiv mit sämtlichen Höhen und Tiefen, die man auch aus anderen WGs kenne. Gewisse Situationen würden aber schon einen Mehraufwand bedeuten: «Hier muss man noch mehr auf das Individuum eingehen: Wer ist mein WG-Mitbewohner und wie funktioniert er.»

Eine Besonderheit sei etwa, dass man nicht von Grundkenntnissen, die jeder beherrscht, ausgehen kann, erklärt Timmy: «Einige Dinge müssen explizit erklärt werden: Wie putzt man genau eine Ablage oder eine Pfanne. Bei solchen praktischen Punkten ist es ein Mehraufwand, der sich aber auszahlt.»

Und der Mehrwert, der durch die Lebenserfahrung in der WG entsteht, übertrumpfe den Aufwand  eindeutig: «Sonst würde ich es nicht machen», sagt Timmy lachend. «So versetzt man sich in Leute, die man sonst im Alltag nicht treffen würde. Das sind komplett neue Welten und das erweitert auch meinen Horizont.»

In der noch relativ jungen WG-Geschichte gab es aber auch schon problematischere Mitbewohner, wie Timmy erzählt. «Mein Bedürfnis nach Schlaf hat sich nicht so mit seinem nächtlichen Heavy-Metal-Geschmack vertragen», drückt sich Timmy sehr diplomatisch aus.

Sein Fazit für Neugierige: «Probiert es aus! Es ist eine Erfahrung, die man das ganze Leben nicht vergisst und einen als Person weiterbringt.»

Mit Coachings zum Erfolg

Unterstützt werden die Bewohnerinnen und Bewohner durch Coaches von Blindspot. Diese Begleitung wird je nach Bedarf von den Bewohnern angefordert, erklärt eine anwesende Coachin. Dies kann ganz verschiedene Bereiche umfassen: Wie man die Türe richtig abschliesst, eine Wegbegleitung zur Schule bis hin zum Kochen oder Abwaschen. Jonas Staub, Gründer der Organisation, betont: «Auch Menschen ohne Beeinträchtigung werden gecoacht, denn auch sie haben offene Fragen oder können überfordert sein.»

Die Sozialkompetenz soll in den WGs so ebenfalls gefördert werden: Bei WG-Sitzungen werden etwa Schwierigkeiten angesprochen und Lösungen gesucht. Denn natürlich kann es zu angespannten Situationen kommen – wie in WGs üblich, wenn verschiedene Menschen und Persönlichkeiten aufeinander treffen. Die Coachings sind aktuell stiftungsfinanziert.

Aus Fehlern gelernt

Man habe im Prozess auch Fehler gemacht und daraus gelernt, gibt Staub offen zu. «Normalerweise starten WGs mit Personen, die sich schon kennen und gemeinsam entscheiden, eine WG zu gründen». Beim Start der ersten WG habe man diesen Auswahlprozess für Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zu wenig stark gewichtet. Man konnte aber glücklicherweise schnell reagieren und optimieren, so Staub.

Das Gelernte setzt man nun etwa bei der zweiten Wohnung im Berner Ostring um. Zwei Personen, eine mit einer Behinderung und eine ohne, suchen nun zusammen nach passenden «WG-Gspänli».

Solche inklusive WGs mit viel Selbstverantwortung und ohne direkte Unterstützung einer Institution soll es in Zukunft auch in anderen Städten geben.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 20. August 2022 07:00
aktualisiert: 21. August 2022 12:16
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