Kornhausplatz-Unfall

Wie kann ein Tram entgleisen? Ein Experte gibt Auskunft

06.02.2024, 11:17 Uhr
· Online seit 06.02.2024, 06:06 Uhr
Am 1. Februar sprang beim Zytglogge ein Tram aus den Gleisen und zerstörte eine Haltestelle. Wie kann das überhaupt passieren und was für Sicherheitssysteme sind in Trams eingebaut? Das weiss der Bahnexperte Ruedi Beutler, der selbst nebenamtlich Bahnunfälle für die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle SUST untersucht hatte.

Quelle: Cuba Bar Bern / BärnToday

Anzeige

BärnToday: Wie könnte man sich eine solche Tram-Entgleisung erklären?

Ruedi Beutler, Bahnexperte und Maschineningenieur: Beim Zytglogge ist es charakteristisch, dass das Tram dort nicht wie üblicherweise die Lauffläche der Räder auf dem Schienenkopf läuft, sondern der Spurkranz in der Schienenrille rollt. Dann braucht es nicht viel, damit der Spurkranz aufsteigen und die Schienen verlassen kann.

Wenn die Kurve genug eng ist, und vor allem, wenn der Spurkranz in der Schienenrille läuft und es nicht viel Höhe braucht, um die Schienen zu übersteigen, kann es zu einer Entgleisung kommen. Dies könnte eine Entgleisung erklären, wenn tatsächlich zu schnell gefahren wurde.

Muss ein Tram beim Zytglogge also besonders langsam fahren?

Meines Wissens fahren die Trams dort maximal 12 km/h. Das ist eine langsame Geschwindigkeit.

Wie sieht es denn bei weniger engen Kurven aus?

Wenn der Bogen weiter ist, liegt die Lauffläche auf dem Schienenkopf und der Spurkranz liegt unten frei. Für eine Entgleisung braucht es dann das Anderthalbfache der Geschwindigkeit, die für diese Kurve erlaubt wäre. In einem solchen Fall bedeutet eine Entgleisung in der Regel das Kippen des Fahrzeugs. Das Tram kippt dabei aufgrund der Krafteinwirkung auf den Schwerpunkt und nicht, weil der Spurkranz die Schiene verlassen hat.

Was für Sicherheitssysteme gibt es in Trams?

Es gibt bei Trams zwei unterschiedliche Sicherheitssysteme: Eine Sicherheitssteuerung und eine Wachsamkeitskontrolle. Die Wachsamkeitskontrolle überwacht, ob der Fahrer Manipulationen macht (Anm.d.Red.: Also ob der Fahrer eine Betätigung macht, wie Knöpfe bedienen etc.). Wenn er keine solche Manipulation mehr macht, bremst das Tram nach einer gewissen Zeit ab und kommt zum Stillstand. Bei der Sicherheitssteuerung hat es einen Steuergriff oder ein Pedal, das die ganze Zeit betätigt sein muss. Wenn dieser Griff losgelassen wird, führt das rasch zur Bremsung. Ein Fahrzeug mit so einer Sicherheitssteuerung kommt sehr schnell zum Stehen, während es bei der Wachsamkeitskontrolle etwas länger dauert.

Welches Sicherheitssystem wurde beim verunfallten Tram in Bern verwendet?

Das Combino-Tram von Bernmobil hat eine Wachsamkeitskontrolle eingebaut. Die Sicherheitssteuerung war damals, als das Tram gebaut worden war, noch nicht notwendig. Eine Sicherheitssteuerung gibt es zum Beispiel beim Typ Tramlink (neues Tram von Bernmobil) und weiteren neue Modellen. Sehr viele Trams in der Schweiz haben aber nur eine Wachsamkeitskontrolle.

Entspricht das Combino-Tram nach wie vor den Vorschriften?

Das Combino-Tram in Bern – so wie ich es kenne – entspricht den Vorschriften, die damals bei der Einführung gegolten haben. Und bis heute hat man nichts nachrüsten müssen. Es gab nie solche Forderungen, also darf das Tram weiterhin so fahren.

Was ist die grösste Schwachstelle beim Tramfahren?

Aus meiner Sicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand überfahren wird, weil man arglos über die Strasse läuft, viel grösser, als von einem Tram überrascht zu werden, das aus den Schienen gesprungen ist.

Du willst keine News mehr verpassen? Hol dir jetzt die Today-App:

veröffentlicht: 6. Februar 2024 06:06
aktualisiert: 6. Februar 2024 11:17
Quelle: BärnToday

Anzeige
Anzeige
baerntoday@chmedia.ch