KI, Glücksspiel und Klicks

Wie Schweizer Medien illegalen Casinos in die Hände spielen

20.02.2024, 08:04 Uhr
· Online seit 18.02.2024, 10:56 Uhr
Dubiose «Test- und Informationsseiten» senden Mitteilungen an Schweizer Medienhäuser – und diese beissen an. Damit machen sie unwissentlich Werbung für in der Schweiz verbotene Onlinecasinos. Das steckt dahinter.
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In welchen Schweizer Städten gibt es die meisten Scheidungen? Ein Thema, das viele Bürgerinnen und Bürger interessiert. Bereits über Jahre versendet eine Website diese Information immer wieder an Schweizer Medien. Diese veröffentlichen diese Daten gutgläubig – denn sie bringen Klicks. So veröffentlichte Blick.ch etwa 2021 eine grosse Übersicht, in welchen Schweizer Städten die meisten Ehen halten.

Auch etwaige Ungereimtheiten auf der Website, wie dass beispielsweise vom «Statistikamt des Bundes» gesprochen wird oder die Kantone als Bundesländer bezeichnet werden, fällt den Medienschaffenden nicht weiter auf. Die Daten sind aber nicht frei erfunden, sondern stammen aus dem öffentlich zugänglichen Fundus des Bundesamtes für Statistik (wie das Amt in der Schweiz korrekterweise heisst.

Die gleiche Plattform gibt es auch mehrere Jahre später immer noch – und sie arbeiten mit der gleichen Masche. Auch 2024 wurde diese «Verbraucher-Plattform» bereits von mehreren Medien wie Watson20 Minuten und auch von BärnToday zitiert.

Sind solche Plattformen gefährlich?

Doch nach der Veröffentlichung sind den Journalistinnen und Journalisten von BärnToday weitere Ungereimtheiten aufgefallen: Wer sich auf der Website umsieht, dem fällt schnell auf, dass sie eigentlich auf Inhalte wie Kryptowährungen, Aktientrading, Lottoanbieter und Onlinecasinos spezialisiert ist. So gibt es zahlreiche «Testberichte» über «seriöse Online Casinos» oder die «Top Online-Lotto-Anbieter».

Das Ziel solcher Plattformen sind gemäss Prof. Dr. Ferdinand Thies, Forschungsdozent am Institut für Digital Technology Management an der Berner Fachhochschule, die Klicks durch User: «Das Geschäftsmodell dreht sich dabei um Affiliate-Links. Diese Seiten bekommen Geld dafür, wenn sie die Nutzer, die auf dieser Seite landen, an Online-Casinos weiterleiten.»

Gefährlich seien solche Seiten zwar nicht, sagt Prof. Dr. Alexander Schmid, ebenfalls Forschungsdozent am Institut für Digital Technology Management der BFH, da es in diesen Beispielen nicht um die Verbreitung von Schadsoftware gehe. Aber unproblematisch seien sie auch nicht. «Es geht um die Verlinkung auf Online-Casinos, von welchen mindestens ein Teil gemäss Schweizer und auch deutschem Recht illegal sind.» Viele dort präsentierte Casinos würden sich auf der Sperrliste der Eidgenössischen Spielbankenkommission ESBK und der Interkantonalen Geldspielaufsicht Gespa befinden, wie Schmid erklärt. Ende 2023 waren auf dieser Sperrliste rund 1500 Domains eingetragen.

Durch solche Affiliate-Links würden solche Plattformen ihr Geld verdienen, wie Ferdinand Thies ausführt. «Solche Seiten geben hohe Boni, wenn man sich dort registriert. Das ist schon ein starker Indikator, wie viel so ein Unternehmen bereit ist, für einen neuen Nutzer zu zahlen», so Thies. Die Medienaufmerksamkeit, die diese Seite über die Ehe-Statistiken in Schweizer Städten erhalten habe, sei für so eine Seite «der Jackpot».

KI-generierte Teamfotos und dubioser Absender?

Doch wer steckt hinter einer solcher Seite? Ein Blick auf die Teamseite macht stutzig: Die Bilder der Teammitglieder sehen aus, als wären sie von einer künstlichen Intelligenz erstellt.

Doch das muss nicht zwingend der Fall sein, wie Alexander Schmid sagt: «Es erscheint auf den ersten Blick nicht klar, ob dies komplett fiktive Personen sind oder ob sie allenfalls fiktionalisiert dargestellt wurden. Viele Leute, die sich digital affin präsentieren wollen, haben auch auf sozialen Medien KI-generierte Profilbilder.»

Etwas mehr Aufschluss gibt das Impressum, welches für einige Länder wie die Schweiz, Deutschland und Österreich Pflicht ist, und das verrät, auf wen die Firma gemeldet ist: eine Frau aus den Seychellen. Der Firmensitz befindet sich in Anguilla, eine Insel des britischen Überseegebiets in der Karibik, über 250 Kilometer entfernt von Puerto Rico.

Eine Suche nach dem gemeldeten Gebäude führt zur Offshore Leaks Database. Diese Datenbank listet verschiedene Firmen auf, welche in letzten Jahren durch journalistische Enthüllungen durch die sogenannten Panama Papers, Pandora Papers und Paradise Papers um Geldwäsche und Steuerhinterziehung und Steuervermeidung Schlagzeilen machte. Alleine bei den Panama Papers wurden über 200'000 Briefkastenfirmen festgestellt. An der genau gleichen Adresse sind also weitere Firmen gelistet, welche in diesen Datenlecks veröffentlicht wurde.

Kontakt mit Betreibern nicht möglich

Ein Blick ins britische Firmenregister verrät, wie «geschäftig» die Businessfrau hinter der Plattform ist – bis 2016 war sie bei rund 35 Firmen als Direktorin angemeldet.

Noch spannender wird es mit einem Blick in den Quellcode der betreffenden Website. Es finden sich weitere Seiten in diversen anderen Sprachen, die aber fast gleich aussehen und den gleichen Inhalt vertreiben. Auch bei den meisten dieser Seiten sehen viele Bilder der Teammitglieder aus, als wären sie von einer KI erstellt.

Durch künstliche Intelligenz wäre eine Vervielfachung und Übersetzung eines solchen Portals sehr einfach, wie Ferdinand Thies sagt: «Durch automatisierte Übersetzungsprogramme ist die Skalierbarkeit dieser Seiten enorm gross. So macht es für mich keinen Unterschied, diese Seite einmal aufzubauen oder in zehn verschiedenen Sprachen.»

Gerne hätte BärnToday mit den Betreibern der fragwürdigen Seiten gesprochen. Leider funktioniert das Kontaktformular nicht. Bei einem Kontaktversuch erscheint nur eine Fehlermeldung mit dem Hinweis, dass die Nachricht nicht abgeschickt werden konnte. Auch das trägt nicht zur Glaubwürdigkeit der Plattform bei.

Das sagt das Bundesamt für Statistik

Für das Bundesamt für Statistik, dessen Daten die betreffende Website für die Medienmittelung verwendet hat, ist das ein Ärgernis, wie Klaus von Muralt der Medienstelle des BFS erklärt: «Systematisch dagegen vorgehen können wir nicht. Was wir tun können, ist solche Anbieter auf gewisse Dinge hinzuweisen, etwa auf ihrer Website auszuweisen, dass sie mit den BFS-Daten eigene zusätzliche Berechnungen angestellt haben.» Solche Berechnungen hätten mit dem BFS nämlich nichts zu tun.

Dass solche Daten vom Bundesamt für Statistik verwendet werden, komme relativ oft vor, wie von Muralt sagt. Doch sind solche Veröffentlichungen nicht auch etwas «Werbung» für die Daten, die das Amt erhebt, und die Arbeit, die das BFS macht? «Nun, wenn mit BFS-Zahlen eigene Berechnungen angestellt werden, dann ist das eher nicht im Sinne des BFS. Besser ist es, beim BFS direkt nachzufragen und allenfalls eine Spezialauswertung zu verlangen. Alles, was das BFS produziert und herausgibt, ist wissenschaftlich fundiert und methodisch geprüft, was bei diesen anderen Firmen nicht sichergestellt ist.»

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Was steckt dahinter? Unser komplettes Interview mit den Digital-Experten

Doch was wollen solche dubiosen Internet-Plattformen überhaupt erreichen? Warum verwenden sie öffentliche Daten und beschäftigen sich mit Themen, die überhaupt nicht zu ihrem Kerngebiet gehören? Wir haben mit Prof. Dr. Alexander Schmid und Prof. Dr. Ferdinand Thies, zwei Forschungsdozenten am Institut für Digital Technology Management der Berner Fachhochschule, gesprochen. Alexander Schmid forscht mit Schwerpunkt in IT Governance, Risk und Compliance, Ferdinand Thies beschäftigt sich mit elektronischen Märkten, der Plattformökonomie und die Anwendung von künstlicher Intelligenz für Geschäftsmodelle. Hier findest du das komplette Interview:

Was ist der Zweck von solchen dubiosen Webseiten?

Prof. Dr. Ferdinand Thies: Grundsätzlich ist der Zweck solcher Seiten immer, Traffic zu generieren, also Leute auf sich zu lenken. Das Geschäftsmodell dreht sich dabei um Affiliate-Links. Diese Seiten bekommen Geld dafür, wenn sie die Nutzer, die auf dieser Seite landen, an diese Online-Casinos weiterleiten. Sie kriegen dann einen kleinen Betrag dafür, wenn sich dann jemand bei irgendeinem Online-Casino registriert.

Sie versuchen also einfach, Nutzer auf ihre Seite zu lenken und das möglichst kostengünstig. Diese Medienaufmerksamkeit, die diese Seite dadurch bekommen hat, war für sie letztlich der Jackpot.

Sind die versendeten Medienmitteilungen also wie ein Köder?

Prof. Dr. Ferdinand Thies: Exakt. Sie machen solche Artikel mit irgendwelchen Verbraucherschutztests oder irgendwelchen Headlines, bei denen vielleicht von seriösen Medien angebissen und dadurch auf diese Seite verlinkt wird. Ihr Geschäftsmodell ist dabei nicht unbedingt betrügerisch in dem Sinne, dass sie Schadsoftware oder sonstiges installieren wollen. Sie werfen diesen Köder aus – mit Presseanfragen oder sonstigen Links – und hoffen auf diese Multiplikation durch grössere Medienanstalten.

Wenn eine grosse Schweizer Medienseite auf sie verlinkt, garantiert das für sie eine Art Legitimität und Seriosität, die solche Seiten sonst eher nicht haben. Dadurch denkt auch der Nutzer unter Umständen: «Ja, das ist eine seriöse Seite, da ich ja über eine Schweizer Medienanstalt dorthin kam.»

Wie verdienen solche Seiten ihr Geld?

Prof. Dr. Ferdinand Thies: Solche Referenzlinks kennt man besonders im Online-Casino-Bereich. Diese Seiten geben sehr, sehr hohe Boni aus, wenn man sich dort registriert. Also sprich, ich registriere mich bei einer dieser Seite, zahle 100 Franken ein und bekomme beispielsweise 200 Franken gutgeschrieben.

Dieses Modell nutzen sie sehr oft und diese Boni, die sie zum Verspielen mitgeben, sind sehr hoch. Das ist schon ein starker Indikator, wie viel so ein Unternehmen bereit ist, für einen neuen Nutzer zu zahlen. Der Nutzer wird von dem Betrugstest auf eine beliebige Online-Casino-Seite weitergeleitet und sofort kann das abgerechnet werden, weil die Neuregistrierung dieser Seite zugeschrieben werden kann.

Es kann auch sein, dass sie rein für die Sichtbarkeit kleine Beträge bezahlen, also dass man die Casinos auf dieser Seite sieht oder dass man auf den Link klickt. Unter Umständen kann auch abgerechnet werden, wie viel dieser neu vermittelte Nutzer zu Beginn einzahlt.

Warum werden dazu Daten des Bundesamtes für Statistik verwendet?

Prof. Dr. Alexander Schmid: Dass diese öffentlichen Informationen verwendet werden, hat mehrere Gründe. Erstens sind diese Inhalte gratis für alle verfügbar und wiederverwendbar.

Zweitens sind diese Inhalte glaubwürdig – so lassen sie sich auch über andere Quellen nachvollziehen und wirken damit seriös.

Diese Verwendung der zuverlässigen, akkuraten Inhalte werden entsprechend auch von Suchmaschinen wie Google besser bewertet. Dieses Ranking wird durch die Verlinkung dieser Inhalte von Medienportalen weiter gestützt.

Der dritte Grund für die Verwendung öffentlicher Informationen ist, dass sie sich mithilfe künstlicher Intelligenz automatisiert zu Inhalten zusammenstellen lassen, die dann auch redaktionell aufbereitet wirken. Man gibt Zahlen, Daten, Fakten in die Chatmaschine rein und erhält mehr oder weniger zusammenhängende Texte.

Mit einem Blick auf die Teambilder – sieht das für sie eindeutig nach KI aus?

Prof. Dr. Alexander Schmid: Es erscheint auf den ersten Blick nicht klar, ob dies komplett fiktive Personen sind oder ob sie allenfalls fiktionalisiert dargestellt wurden. Viele Personen, die sich digital affin präsentieren wollen, haben auch auf sozialen Medien KI-generierte Profilbilder. Von daher ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion fliessend. Auf den ersten und zweiten Blick lässt sich kaum unterscheiden, was fiktiv und was eine leichte KI-gestützte Verzerrung der Realität ist.

Nicht nur die durch KI-generierten Teamseiten, auch die Footer und Header der Seite mit Verlinkungen auf die Deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder wollen Glaubwürdigkeit signalisieren. Es findet sich auch ein Impressum und eine Datenschutzerklärung, wie man sie von jeder seriösen Webseite erwarten würde.

Aber auf den zweiten Blick ist ersichtlich, dass Aufwand betrieben wurde, die effektive Urheberschaft zu verschleiern.

Warum sind solche Webseiten gefährlich?

Prof. Dr. Alexander Schmid: Solche Seiten sind weniger im technischen Sinne gefährlich, aber nicht unproblematisch. Hier scheint weniger eine technische Masche die Absicht, sondern die Affiliate-Verlinkung auf Online-Casinos, von welchen mindestens ein Teil gemäss Schweizer und  auch deutschem Recht illegal sind.

So stehen viele dort präsentierten Casinoanbieter auch auf der Eidgenössischen Spielbankenkommission ESBK und der Interkantonalen Geldspielaufsicht Gespa. Entsprechend operieren solche Casinos ausserhalb der staatlichen Kontrolle, entweder komplett oder dann sehr dunkelschattiert im Graubereich.

Damit gibt es beispielsweise keine Sozialschutzmassnahmen gegen Spielsucht oder Regeln für Fairness und Transparenz in Bezug auf Manipulation, Betrug und Geldwäscherei und auch Zurückbehaltung von auszuzahlenden Gewinnen.

Worauf sollte man bei solchen Webseiten achten?

Prof. Dr. Alexander Schmid: Vorderhand gilt es, die Quellen kritisch zu prüfen. Wenn nicht verifiziert werden kann, woher die Informationen stammen, sollte im Zweifel nicht verlinkt werden. Denn dadurch verleiht man den Seiten Seriosität und Visibilität. Vor allem Medien-Schaffende tragen hier eine besondere Verantwortung für die Sorgfalt im Umgang mit solchen Informationen und Quellen.

Ebenso sollte man sich überlegen, ob das Angebot zum Inhalt passt. Im konkreten Beispiel: Was ist die Verbindung zwischen den Scheidungsraten auf Basis der BFS-Daten und Online-Glücksspielseiten auf Malta?

Wird es mit stärkerer künstlicher Intelligenz mehr solche Seiten geben?

Prof. Dr. Ferdinand Thies: Solche irreführenden Verbraucherportale sind nicht unbedingt etwas Neues, aber durch automatisierte Übersetzungsprogramm ist die Skalierbarkeit dieser Seiten enorm gross. Ich kann mit relativ wenig Aufwand hier länderspezifische Seiten erstellen, um die Zielgruppe günstig zu erweitern. So macht es für mich keinen Unterschied, diese Seite einmal aufzubauen oder in zehn verschiedenen Sprachen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie schätzen Sie diese KI-Entwicklung ein?

Prof. Dr. Ferdinand Thies: Ich persönlich denke, dass wir hier in eine massive Informationskrise hereinrutschen, weil die Generierung solcher Inhalte in den letzten in den letzten Jahren einfach sehr, sehr günstig geworden ist. Dadurch werden wir wahrscheinlich immer mehr solche Portale mit KI-generierten Inhalten sehen.

Prof. Dr. Alexander Schmid: Ich teile diese Einschätzung. Die Hoffnung setze ich dabei auf redaktionell geführte, seriöse Medien. Sie müssen den Umgang damit lernen und pflegen, um auszusortieren, welche Links und Informationsstücke guten Gewissens weitergegeben werden und wo man die Rolle als Gatekeeper für die Seriosität von Informationen im Internet effektiv wahrnimmt.

veröffentlicht: 18. Februar 2024 10:56
aktualisiert: 20. Februar 2024 08:04
Quelle: BärnToday

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