Frauen in der Landwirtschaft

«Frauen können das Gleiche wie Männer»

· Online seit 29.10.2022, 06:04 Uhr
Eine Studie des Bundesamtes für Landwirtschaft kommt zum Schluss, dass Frauen in der Landwirtschaft immer wichtiger werden. Barbara Lüthi-Kohler, Vizepräsidentin des Berner Bauernverbands, findet, die Branche sei auf einem guten Weg.
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Die wirtschaftliche Bedeutung der Frauen in der Landwirtschaft hat zugenommen, und auch ihre soziale Absicherung hat sich verbessert. Besonders junge Frauen übernehmen immer öfter leitende Tätigkeiten, wie eine Studie des Bundesamtes für Landwirtschaft zeigt.

Ins Auge springt, dass sich das Rollenverständnis auf dem Bauernhof insgesamt verändert hat. Besonders junge Frauen treten nach eigenen Angaben sicherer auf und übernehmen auch mehr Verantwortung auf dem Betrieb. Mit der steigenden Zahl an Betriebsleiterinnen gibt es somit auch mehr weibliche Vorbilder.

Barbara Lüthi-Kohler ist Vizepräsidentin des Berner Bauernverbands. Sie beobachtet einen Unterschied zwischen den Generationen.

BärnToday: Sind Sie vom Ergebnis der Studie überrascht?

Barbara Lüthi-Kohler: Frauen in der Landwirtschaft hatten schon immer eine grosse Bedeutung im Bezug auf die Wirtschaftlichkeit. Das ist nicht neu, es hat sich einfach verstärkt. Aus meiner Sicht, weil in vielen Betrieben die direkte Vermarktung zugenommen hat. Das ist oft ein Betriebszweig, der von Frauen geführt wird. Ich denke, wenn wir das übergeordnet anschauen, gibt es diese Entwicklung in vielen Branchen, weil Frauen heute stärker im Berufsleben sind als noch bei früheren Generationen.

Ausserdem arbeiten heute viele Frauen auswärts, weil durch die Mechanisierung und Digitalisierung auf dem Hof weniger Personal gebraucht wird. Auch dieses Geld fliesst dann in die Landwirtschaft. Deshalb darf man diese Bedeutung nicht nur auf die Hofarbeit beziehen.

Sehen Sie auch im persönlichen Umfeld Unterschiede zu früher?

Ich denke, es ist eine Frage der Rollen. Heute sind Frauen selbstbewusster, machen sich sichtbarer und gestalten stärker mit. Wobei ich denke, dass Frauen schon immer mitgestaltet haben, aber vielleicht eher im Hintergrund.

Ist es also eher eine Frage der Sichtbarkeit?

Das kann durchaus sein. Ich denke, jede Generation verkauft sich auch anders. Eine ältere Bäuerin hat mir einmal gesagt, sie sei anders erzogen worden als ich. Sie sei für eine bestimmte Rolle erzogen worden. Ich denke, das hat sich komplett verändert. Ich habe meine Tochter und meine Söhne genau gleich erzogen.

In der allgemeinen Vorstellung gilt die Landwirtschaft nicht gerade als fortschrittlichste Branche, wenn es um soziale Themen geht. Ist da etwas dran oder handelt es sich um ein falsches Vorurteil?

Wenn man die Studie gelesen hat, muss man sagen, dass es ein falsches Vorurteil ist. Es ist sicher noch nicht alles getan, aber die Branche ist auf einem guten Weg und ich denke, dass die Marschrichtung stimmt. Man sieht auch bei den jungen Frauen, die Zahl der Leute, die sich absichern, hat zugenommen. Es ist sicher schwierig, wenn man bei den älteren Generationen schaut, da war es noch nicht so selbstverständlich. Man kann aber auch nicht heute etwas fordern und morgen hat man es schon. Es ist ein Prozess, es braucht Zeit und wir sind unterwegs. Wenn man einfach sagt, die Branche hinke hinterher und sei altväterisch, macht man es sich aber zu einfach.

Sie sind selbst Bäuerin und haben eine wichtige Position im Berner Bauernverband inne. Sind Sie sich einer Vorbildrolle bewusst?

Ich denke, dass man durchaus eine Vorbildfunktion einnimmt. Solche Vorbilder sind wichtig. Frauen können das Gleiche wie Männer, so wie auch Männer das Gleiche können wie Frauen. Man muss es einfach immer wieder betonen. Ich denke, es ist einfach wichtig, dass man Neigungen, Interessen und Fähigkeiten der einzelnen Personen berücksichtigt.

Ich bin mir meiner Vorbildrolle bewusst, diese führt auch immer wieder zu guten Gesprächen. Man kann auch junge Frauen ermutigen, sich stark zu machen für ihren Weg. Ich gehöre beispielsweise zu den wenigen Frauen, die Miteigentümerinnen eines Hofs sind, obwohl der Hof von der Familie meines Mannes kommt. Ich bin diesen Weg gegangen, weil es für mich der richtige war, aber ich weiss auch, dass dieser nicht zu jedem Hof passt. Dies führt auch immer wieder zu wichtigen Gesprächen über das Wieso und das Warum. Meine Vorbildrolle wird mir dabei schon bewusst.

veröffentlicht: 29. Oktober 2022 06:04
aktualisiert: 29. Oktober 2022 06:04
Quelle: BärnToday

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