«Ist ein Lebensgefühl»

Berner will Selbsthilfegruppe für Crossdressing gründen

· Online seit 02.03.2023, 05:48 Uhr
«Chrigu» ist 68 Jahre alt und trägt Frauenkleidung. Über 44 Jahre lang versteckte er sich aber gekonnt vor allen, bis seine Ehe daran fast in die Brüche ging. Mittlerweile hat er sich geoutet und will nun anderen helfen, indem er in Bern eine Selbsthilfegruppe gründet.
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Einen Rock, ein Kleid und sonstige Frauenkleidung zu tragen, ist für «Chrigu»* keine Albernheit. Lange versteckte er sich – er hatte Angst, dass ihn seine Familie so nicht mehr akzeptieren würde. «Jetzt mache ich es offen, seit letztem Mai. Ich lebe das voll und habe auch keine anderen Kleider mehr», sagt der Berner im Interview mit BärnToday. Jeden Morgen freue er sich einen BH, einen Jupe und eine Bluse anziehen zu dürfen. «Darum ist es für mich nicht nur Crossdressing, für mich ist es ein Lebensgefühl.»

Offenheit war der letzte Ausweg

Zu seiner Leidenschaft zu stehen, war für «Chrigu» eine Notlösung. «Nach 44 Jahren Ehe gerieten wir, wieder einmal, in eine Krise», erinnert er sich. Er selbst ist seit acht Jahren invalide und darum immer zu Hause. Der Drang, Frauenkleidung rund um die Uhr zu tragen, wurde immer stärker. Das stetige Umziehen, immer wenn seine Frau von der Arbeit nach Hause kam, wurde allmählich zum Stress.

Aus Angst wollte er ihr seine Neigung erst nicht gestehen, aber «die Frauenkleider zu tragen hat mir gefehlt. Meine Frau merkte, dass etwas nicht stimmte. Immer mehr wurde die Geheimnistuerei zu einem Hindernis in unserer Beziehung.» Da habe er realisiert, dass er mit der Wahrheit rausrücken musste, bevor die Ehe in die Brüche ginge. «Dann habe ich es eines Morgens beim Kaffee einfach gesagt. Und es kam gut an. Wir haben nach dieser Zeit wieder ein Bombenverhältnis.»

«Ich bin ja noch immer ein Mann»

Er habe schon noch Hemmungen, mit seiner Frau alles zu besprechen. Doch wenn sie etwas frage, dann könne er gut mit ihr darüber sprechen. Er verstehe, dass es nicht gerade einfach ist, solche neuen Tatsachen nach so langer gemeinsamer Zeit hinzunehmen. Manchmal sei die Aussage im Raum gestanden: «Ich habe doch einen Mann geheiratet» – darauf habe er geantwortet: «Das stimmt. Ich bin ja noch immer ein Mann. Da hat sich von dem her nichts geändert.»

Dass Männer Kleidung von Frauen verwenden, ist in der Szene der Dragqueens bereits weit verbreitet. Doch von dieser Gruppierung will sich «Chrigu» distanzieren. Es ginge ihm nicht darum, in der Öffentlichkeit so pompös aufzutreten. «Dragqueens überschreiten die Grenze noch weiter, als dass ich es schon tue. Dann ist die Gefahr von mir aus gesehen auch grösser, dass etwas entgegenkommt.» Er selbst habe in der Öffentlichkeit mit seinem Auftreten noch keine negativen Erlebnisse gehabt. «Den ein oder anderen längeren Blick ernte ich, aber sagen tut keiner was.»

Darum will «Chrigu» eine Selbsthilfegruppe gründen

Schon seit einiger Zeit besucht er eine Psychologin, wie «Chrigu» sagt. Mit ihr könne er offen sprechen. Zuerst wollte er dringend wissen, warum er ist, wie er ist. «Heute ist das in den Hintergrund gerückt. Es geht mir nun mehr darum, anderen, die in meiner früheren Lage sind, zu helfen.» Auch will er unbedingt seine Ehe weiter führen. Darum will er nun auch eine Selbsthilfegruppe gründen. Er möchte helfen, dass sich niemand so lange wie er verstecken und wegen der Geheimnistuerei Leid erleben muss.

In der Gruppe sollen Themen wie Konflikte in der Partnerschaft, Reaktionen von nahestehenden Personen oder auch das Auftreten in der Öffentlichkeit zu Sprache kommen. Gemeinsam mit anderen möchte «Chrigu» den Weg zu mehr Selbstakzeptanz beschreiten.

*Name geändert

veröffentlicht: 2. März 2023 05:48
aktualisiert: 2. März 2023 05:48
Quelle: BärnToday

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