French Open 2023

«Nicht so zuversichtlich»: Das traut Ex-Profi Kratochvil den Schweizern in Paris zu

Raphael Willen, 27. Mai 2023, 17:06 Uhr
Am Sonntag starten die French Open in Paris. Im Interview sagt Tennis-Experte Michel Kratochvil, der selbst schon am prestigeträchtigen Grand-Slam-Turnier teilgenommen hat, was er den Schweizer Spielerinnen und Spielern zutraut.
Stan Wawrinka an den French Open 2019.
© KEYSTONE/AP Photo/Christophe Ena
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BärnToday: Was macht die French Open Ihrer Meinung nach aus?

Michel Kratochvil: Für uns Schweizer ist die kurze Anreise etwas Besonderes und dass man mit dem Zug an ein Grand-Slam-Turnier reisen kann. Es hat immer viele Schweizer und europäische Zuschauer, das macht es natürlich speziell.

Michel Kratochvil (rechts) mit Roger Federer 2001 in Basel.

© KEYSTONE/Markus Stuecklin

Was trauen Sie den Schweizer Spielerinnen und Spielern dieses Jahr zu?

Wir hoffen aus Berner Sicht natürlich, dass Dominic Stricker ein bis zwei Runden übersteht. Marc-Andrea Hüsler bekundet im Moment etwas Probleme. Stan Wawrinka spielt wieder besseres Tennis, man kann aber noch nicht damit rechnen, dass er in die zweite Woche kommt. Bei den Männern ist jede Runde, die gewonnen wird, ein Erfolg. Wir hoffen das Beste, sind aber nicht so zuversichtlich wie früher.

Bei den Damen sieht es besser aus. Mit Jil Teichmann und Belinda Bencic haben wir zwei Spielerinnen, die weit kommen können. Da reden wir von Halbfinal oder mehr. Es gibt auch noch andere Damen wie Simona Waltert, die sich hoffentlich qualifizieren.

Was würden Sie Dominic Stricker als Trainer mit auf den Weg geben?

Vor allem, dass er es geniessen soll, das erste Mal an einem Grand Slam zu spielen. Das ist eine grosse Bühne. Dominic hat schon auf grossen Plätzen gespielt, aber Best-of-Five (auf drei Gewinnsätze, Anm. d. Red.) zu spielen, ist für ihn eine neue Erfahrung. Der Match kann in diesem Modus immer gedreht werden, weshalb es wichtig ist, konstant zu sein und nicht nachzulassen.

Welche Spielerinnen und Spieler haben dieses Jahr die grössten Chancen auf den Titel?

Bei den Männern sind Carlos Alcaraz und Novak Djokovic die Top-Favoriten. Im erweiterten Umfeld tippe ich auf Daniil Medvedev, weil er schon ein Grand Slam gewonnen hat und zuletzt auf Sand überzeugen konnte. Holger Rune hat ebenfalls sehr gut gespielt und starke Gegner wie Djokovic geschlagen. Er ist sicher Aussenseiter, ist noch sehr jung und hat noch nicht viel Erfahrung auf Stufe Grand Slam, aber er spielt sehr stark.

Bei den Damen ist es eine Lotterie. Iga Swiatek und auch andere Spielerinnen zeigen immer sehr gutes Tennis, aber die Ausgangslage ist sehr offen. Es ist schwierig, zu tippen, wer im Turnier weit kommt. Da muss man erst einmal abwarten und schauen, wer in die zweite Runde kommt, dann wird es einfacher.

Rafael Nadal hat die French Open in den letzten 18 Jahren 14 Mal gewonnen. Dieses Jahr fällt er verletzt aus. Welche Bedeutung hat seine Abwesenheit für das Turnier?

Das ist der Wahnsinn. Rafael Nadal hat das Turnier geprägt wie kein anderer. Er hat dort so oft gewonnen, das ist eine grosse Sache. Ich hoffe für Nadal, dass er nächstes Jahr noch einmal zurückkommen kann und einen schönen Abschluss hat – quasi bei seinem Turnier.

Ist es gut für den Tennissport, dass es nicht mehr nur die «Big 3» (Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic) gibt und das Favoritenfeld breiter geworden ist?

Man sagt, dass die Vermarktung mit Top-Stars einfacher ist. Das Tennis hat Federer, Nadal und Djokovic sehr viel zu verdanken, auch wenn man sich die Entwicklung des Preisgeldes anschaut. Man hatte immer Angst, dass sich die Leute vom Tennis abwenden, wenn diese Ära zu Ende geht. Man sieht jetzt aber, dass das Tennis nach wie vor sehr attraktiv ist. Die jungen Spieler haben Charakter, die Einschaltquoten sind gut. Und auch im Breitensport gab es in der Schweiz keinen Rückgang, seitdem Roger nicht mehr spielt. Das ist positiv für den Tennissport.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 25. Mai 2023 09:02
aktualisiert: 27. Mai 2023 17:06