Neues Programm

Comedian Michael Elsener: «Politik ist oft ein Kasperlitheater»

14.03.2023, 09:39 Uhr
· Online seit 14.03.2023, 09:36 Uhr
Am Dienstag tritt Michael Elsener mit seinem neuen Programm «Alles wird gut» im Casino Bern auf. Im Interview verrät er, ob er wirklich davon überzeugt ist, dass alles gut kommt und ob ihm die tiefe Wahlbeteiligung in der Schweiz Sorgen macht.
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BärnToday: Sie sind in der Schweiz mit Ihrem fünften Soloprogramm unterwegs und haben noch diverse andere Projekte. Wie ist es Ihnen gelungen, wieder ein komplett neues Programm zu schreiben?

Michael Elsener: Mir war es eine Zeit lang einfach langweilig. Dann komme ich auf neue Ideen. Beim Programm «Alles wird gut» kommen eigentlich die drei Sachen zusammen, die ich unglaublich gern mache: Einerseits meine Begeisterung für gesellschaftlich relevante, politische Themen, andererseits meine Lust, komplexe Themen und Fakten auf einfache und lockere Art rüberzubringen und der dritte Punkt; meine Freude, Menschen zum Lachen zu bringen. Diese drei Sachen habe ich so noch nie auf der Bühne präsentiert.

Sie treten aktuell fast ununterbrochen auf. Wie unterscheidet sich Ihr Leben während der Tour von Ihrem sonstigen Leben?

Momentan ist mein Fokus komplett auf dem Abend. In der Show wechsle ich zwischen meinen Parodien und ganz vielen interaktiven Teilen mit dem Publikum hin und her. Gerade das Interaktive braucht meine volle Aufmerksamkeit und darum möchte ich unglaublich fit sein. Wenn ich nicht auf Tour bin, kann ich mich tagsüber voll verausgaben und zum Beispiel Skifahren gehen, weil ich am Abend dann chillen kann.

Kommen Sie zwischen all Ihren Projekten überhaupt mal zur Ruhe?

Ich nehme mir immer wieder mal lange Auszeiten, um reisen zu gehen. Bevor die Premiere nun losging, war ich in Kairo, um eine Freundin zu besuchen. Es war spannend, diese Stadt aufzusaugen, aber gleichzeitig auch sehr aufwühlend. Die Menschen dort überlegen sich, wieder eine Revolution zu starten, weil sie vom Militärregime unterdrückt werden. Auf der anderen Seite haben sie mir aber auch erzählt, dass sie wieder brutal zurückgeschlagen werden, wenn sie eine Revolte machen. Jetzt müssen sie abwägen, wie es für sie weitergehen soll. Das ist mir sehr eingefahren, weil ich dachte: Krass, wir können mitbestimmen und haben alle Freiheiten, aber die Hälfte von uns geht nicht wählen und abstimmen. So hat mich dieses Thema, das mich sowieso beschäftigt, auch in meiner Auszeit weiterverfolgt. Wenn man solche Sachen persönlich erlebt, geht es einem nochmal näher.

Ihr Programm heisst «Alles wird gut». Sind Sie wirklich zuversichtlich, dass alles gut kommt?

Ja, und ich finde vor allem, dass man nur etwas verändern kann, wenn man positiv ist. Ohne Hoffnung geht einfach nichts. Es gibt ganz viele, die unzufrieden sind, die die Faust im Sack machen und gegen etwas sind. Ich will mit meinem Programm zeigen, dass man etwas verändern kann, wenn man die Energie, die man gegen etwas hat, in Energie für etwas Neues umwandelt. Es gibt ein Sprichwort aus dem Iran, das sinngemäss heisst: «Es ist eigentlich egal, was auf unserer Welt abgeht – es ist grundsätzlich nicht unsere Schuld, dass die Welt so ist, wie sie ist. Es ist aber definitiv unsere Schuld, wenn sie so bleibt.»

In keinem Land wird mehr gewählt und abgestimmt als in der Schweiz. Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung in keinem Land niedriger als bei uns. Wie erklären Sie sich das?

Ein Grund ist sicher, dass politische Themen bei uns sehr häufig trocken und komplex rüberkommen. Ich will das ändern. Ich will zeigen: In der Politik reden wir darüber, wie wir morgen zusammenleben wollen. Das interessiert doch alle. Politik ist extrem unterhaltsam. Ich parodiere alle, von Amherd zu Berset bis Rösti. So will ich den Leuten zeigen, dass Politik oft ein Kasperlitheater ist.

Stimmt es Sie nachdenklich, dass Schweizerinnen und Schweizer so wenig wählen und abstimmen gehen?

Ich finde, es ist wirklich ein riesiges Problem. Meiner Meinung nach ist es ein Thema, das viel zu wenig diskutiert wird. Unsere Demokratie existiert eigentlich noch, aber sie wird nicht wirklich gelebt. Wählen und Abstimmen ist mittlerweile zum Hobby einer Minderheit geworden. Mein Ziel ist, den Leuten mit meinem Programm Mut zu machen und zu sagen: Hey, unser Ziel ist, dass am 22. Oktober mehr als 50 Prozent von uns wählen gehen.

Sie bringen Politik auf die Bühne. Haben Sie nie Angst, sich dabei die Finger zu verbrennen?

Polit-Comedy ist immer eine Gratwanderung. Das ist aber auch das, was mich reizt. Ich möchte auf der Bühne über Themen reden, die anderen zu komplex oder zu schwer sind. Ich will zeigen, dass man auch auf unterhaltsame Art über steigende Krankenkassenprämien oder unsere Neutralität reden kann. Ich bin der Meinung, dass es entkrampft, wenn man über ein Thema lachen kann. Es macht einen offen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Ihre Show ist interaktiv. Wie kann man sich das vorstellen?

Ich bringe an einem Abend ganz viele Parodien und Stand-ups, wo die Leute einfach zurücklehnen und entspannen können. Es gibt aber auch Teile während der Show, wo ich die Leute zum Beispiel frage: Was ist das grösste Problem von Bern? Ich hoffe dann, dass Inputs vom Publikum kommen und ich mit den Leuten eine kreative Lösung finden kann. Ich hatte vor Kurzem einen Auftritt in Zofingen. Dort sagte das Publikum: Wir wollen einen See. Wir haben das dann diskutiert und es wurde unglaublich lustig. Schon nur sich vorzustellen, wo der See, an einem Ort, an dem es keinen hat, überhaupt hinkommen würde. Also quasi – welches Quartier würde untergehen? Was würde das für Jobs bringen? Man bräuchte beispielsweise einen Bademeister. Es würde so vieles auf den Kopf stellen. Schon nur dieses Gedankenexperiment hat bei den Leuten viel ausgelöst. Wir haben dann darüber abgestimmt und eine überwältigende Mehrheit war für den See in Zofingen. Ich habe diese Vision meines Publikums nun beim Zofinger Stadtrat deponiert und bin gespannt, wie er darauf reagiert.

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veröffentlicht: 14. März 2023 09:36
aktualisiert: 14. März 2023 09:39
Quelle: BärnToday

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