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Sie verteilen kostenlose Umarmungen: «Es macht fast süchtig»

Dankbare Fremde

Sie verteilen kostenlose Umarmungen: «Es macht fast süchtig»

· Online seit 12.04.2023, 16:26 Uhr
Du hast in der Stadt oder an einer Veranstaltung sicher auch schon mal jemanden mit einem «Free Hugs»-Schild gesehen. Melanie und Bettina bieten seit rund fünf Jahren regelmässig gratis Umarmungen an.
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Würdest du einen wildfremden Menschen umarmen? Genau das machen Melanie und Bettina – und das mehrmals im Jahr. Die mittlerweile besten Freundinnen haben sich im Umfeld dieser sogenannten «Free Hugs» sogar kennengelernt. Nachdem Melanie es bei anderen gesehen hatte, wollte sie selbst damit beginnen: «Da habe ich auf Facebook einen Aufruf gestartet und darauf hat sich meine jetzt beste Freundin Bettina gemeldet.»

Am 18.8.18 hätten sie zum ersten Mal die gratis Umarmungen verteilt. Nun sind sie mindestens einmal im Jahr, besonders im Frühling und Sommer, mit den selbstgemachten «Free Hugs»-Schildern anzutreffen.

Süchtig machende Umarmungen

Doch wie fühlt man sich dabei? Melanie klärt auf: «Sehr gut, es ist ein schönes Gefühl. Das gibt jedes Mal einen Adrenalinkick. Und man merkt, dass es das beim Gegenüber auch auslöst. So geht es den ganzen Tag weiter.» Am Ende des Tages sei sie aber erschöpft. «Es macht auch etwas süchtig», gibt Melanie zu.

Für die Durchführung gibt es in Bern einige wenige Einschränkungen – die Frauen haben extra bei der Stadt nachgefragt. «Wir dürfen die Schilder in Körpernähe halten, aber nicht hochstrecken, damit es nicht nach einer Demonstration aussieht», sagt die leidenschaftliche Huggerin. «Zu zweit dürfen wir in der Nähe stehen, aber wenn wir mehr Leute wären, müssten wir uns etwas aufteilen.» Auch während der Pandemie sei das Umarmen erlaubt gewesen, aber auf eigene Gefahr. Da hätten Sie es mit T-Shirts statt Schildern etwas verdeckter gemacht.

Kritik an der gewählten Sprache

Die gute Energie scheint auch bei den Menschen anzukommen. «Viele sagen ‹Merci› oder ‹das habe ich jetzt gebraucht›», erzählt die erfahrene Umarmerin. Nur etwas wird manchmal kritisiert: «Einige reagieren negativ darauf, dass die Schilder auf Englisch sind. Dann übersetzen wir das.»

Bisher hätte es auch noch niemanden gegeben, den sie nicht umarmt hätten. «Ich glaube, die falschen Personen zieht man damit gar nicht an. Wer negative Hintergedanken hat, uns etwa nicht loszulassen oder irgendwo hinzufassen, wo es sich nicht gehört, würde das nicht so offensichtlich machen», sagt Melanie. Angst habe sie überhaupt keine.

Nicht nur emotional scheinen sich die «Free Hugs» positiv auszuwirken, Melanie berichtet auch von spannenden Diskussionen. «Viele sprechen uns auch mit religiösen Themen an und erklären mir etwa ihre Weltsicht. Wenn ich dann meine Sicht sage, merkt man, wie ähnlich diese sind, wie etwa Nächstenliebe, aufeinander eingehen und gegenseitiger Respekt.»

veröffentlicht: 12. April 2023 16:26
aktualisiert: 12. April 2023 16:26
Quelle: BärnToday

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