Legendärer Ex-Besitzer

«Es tut weh»: Das sagt «Chrüteroski» zur Schliessung der Moospinte

· Online seit 23.05.2023, 07:35 Uhr
25 Jahre lang führte Oskar Marti, auch bekannt als «Chrüteroski», die Moospinte in Münchenbuchsee. 2010 verkaufte er das Lokal. Vergangene Woche kommunizierte die Moospinte die Schliessung. Der Ex-Besitzer hat trotzdem Hoffnung, dass ein mutiger Gastronom das Pintli weiterführt.
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BärnToday: 2010 haben Sie die Moospinte nach 25 Jahren verkauft. Nun ist klar, dass das Restaurant schliessen muss. Was macht das mit Ihnen?

«Chrüteroski» Oskar Marti: Ich finde das sehr schade und es tut mir weh. Bevor wir die Moospinte gekauft haben, haben wir etwa 15 Jahre gesucht – wir hatten ein klares Konzept. Leute, die jetzt Restaurants übernehmen, haben oft kein Konzept mehr. Viele kochen heute für «Stärnli» und «Hüetli», aber sehen den Markt nicht oder was man mit so einem Haus machen kann. Ein Fischer weiss, dass er einen Köder an die Angel legen muss, der dem Fisch schmeckt und nicht dem Fischer.

Was macht die Moospinte denn aus?

Eine Pinte ist etwas ganz Einfaches. Wir hatten lange Tische und Bänke, da ich das Gefühl hatte, dass uns Restaurant ein Kommunikationscenter mit einem sozialen Auftrag ist. So hat es mir auch weh getan, als die neuen Besitzer die Gaststube umgekrempelt haben. Mit Einzeltischen und Stühlen hat es dann ausgesehen wie ein Möbellager. Sie haben aus meiner Sicht das Herz der Pinte nicht verstanden.

Sie wollten nach der Pensionierung weiter als «Gastroflüsterer» tätig sein. Was für Änderungsvorschläge hätten Sie dem Pinte-Wirt gegeben? 

Ganz sicher hätte ich gesagt, dass man den Garten in alter Pracht wiederherstellen und den Kräutergarten pflegen sollte. Bezüglich Angebot machen heute alle das Gleiche und was «In» ist. Ich hätte ihm wohl geraten, dass er mit dieser bayrischen Küche und dem Bierfest aufhören soll. Es ist kein Bierlokal, sondern ein Ort mit Tradition und Vergangenheit.

Früher haben die Leute über mich gelacht, weil ich Ochsenschwanz- und Schlüsselblumensuppe gemacht habe. Aber ich habe von der Heilkraft gewusst. Zum Spass habe ich jeweils gesagt, dass man das Essen bei der richtigen Krankenkasse sogar abrechnen kann. Es braucht auch einen gewissen Schalk und Charme. Das würde Erfolg bringen.

Gibt es eine Zukunft für die Moospinte?

Auch heute könnte man das Lokal wie Dornröschen wieder erwecken. Es gibt beispielsweise viele Leute, die jetzt pensioniert werden. Da höre ich immer wieder die gleichen Menu-Wünsche. Heute macht jeder das gleiche, so auch in der Moospinte – Silberbesteck raus, Chromstahl rein. Eine Pinte ist etwas Urchiges und Bodenständiges. Leute kommen, um Erinnerungen abzuholen – und Erinnerungen gehen über das Essen.

Es ist nicht nötig, dass das Restaurant zugeht. Vielleicht findet sich jemand, der die Moospinte weiterführt – der hat 100-prozentig Erfolg. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich jetzt jemand angesprochen fühlt und die Sache anpackt.

Es gab viele Kommentare, dass Restaurants schliessen müssen, da die Kosten hoch sind, aber Leute günstig essen wollen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Das ist leider ein Trend. Richtig wäre, etwas gegen diesen Trend zu tun. Das Problem ist auch den Mut zu haben: Wenn ich alle Leute im Alter 50+ ansprechen würde, wäre ich jeden Tag voll. Es hat genug Leute da. Da muss man nicht unbedingt Pizza und Spaghetti im Angebot haben. Man sollte sich trauen, eine klare Linie zu haben.

Ich bin selbst oft von Restaurants enttäuscht. Viele Leute wissen gar nicht mehr, wo sie sind oder was sie haben. Von Luzern bis Weggis gibt es beispielsweise kein Restaurant, das sich traut, nur Fisch aus dem See anzubieten. Ich brauche doch keine Meerfische oder Spaghetti dazu.

Auf unseren Artikel über die Schliessung des Moospinte habe sich viele Menschen positiv über die Zeit mit dem «Chrüteroski» geäussert. Was macht das mit Ihnen?

Ich glaube, ich habe etwas ausgelöst. Früher waren die Leute vier Stunden im Pintli, es war wie bei einem Konzert oder Theaterstück. Es war etwas für Geist, Körper und Seele. Und wenn im Sommer der Kastanienbaum geblüht hat, konnte man sagen, dass die Moospinte den roten Teppich für die Gäste ausgelegt hat. Das haben die Gäste, unbewusst oder bewusst, wahrgenommen.

Eine Dame hatte mal in unserem Rosengarten ihren 100. Geburtstag gefeiert und zur mir gesagt: «Wissen Sie, Herr Marti, Sie haben mir ein grosses Geschenk gemacht. Beim Essen habe ich so viele Aromen und Düfte erleben dürfen, die ich als Kind mitbekommen habe.» So etwas zeigt doch, dass man am richtigen Ort ist.

Auch heute werde ich noch erkannt: «Ah, Sie sind der Chrüteroski? Bei Ihnen war ich auch, und ich hatte genau dieses Menu.» Wenn man die Leute heute fragt, wissen die meisten nach zwei Tagen nicht mehr, was sie gegessen haben.

Wie geniessen Sie ihre Pension? Haben Sie noch einen Kräutergarten?

Ich bin glücklich in den Ruhestand gegangen – ich hatte damals einen Auftrag und hatte das Gefühl, dass ich ihn erfüllen konnte. Jetzt habe ich immer noch einen grossen Kräutergarten – und würde ich nicht telefonieren, wäre ich jetzt draussen.

Ich bin dankbar für die grosse Unterstützung meiner Frau und der ehemaligen Mitarbeiter und Lehrlingen, die mich damals unterstützt haben. Auch in einer schwierigen Zeit wie jetzt – meine Frau ist schwer krank – gibt es schöne Erlebnisse mit ehemaligen Angestellten, die vor 20 Jahren bei mir waren und jetzt nachfragen, wie es mir geht.

Ein Projekt nach Ihrer Pension war die Stiftung Cocolino. Was ist daraus geworden?

Die Stiftung Cocolino sollte Kindern zeigen, woher Lebensmittel kommen. Leider mussten wir die Stiftung auf letztes Jahr auflösen. Wir haben viel Zeit und Geld in den Aufbau investiert. Eine Gastrovereinigung hatte Interesse, die Stiftung zu übernehmen, aber als es so weit war, gab es niemanden, der dazu bereit war. Das ist schade.

veröffentlicht: 23. Mai 2023 07:35
aktualisiert: 23. Mai 2023 07:35
Quelle: BärnToday

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