Bücherbergwerk Bern

Spendeziel erreicht – Arbeitsintegrationsprojekt kann bleiben

24. Dezember 2022, 11:36 Uhr
Das Berner Bücherbergwerk konnte sein Überleben durch eine Spendensammlung bis mindestens nächsten Sommer sichern. Ursina Bernhard, die Geschäftsführerin des SAH Bern, ist «überwältigt», blickt aber bereits weiter in die Zukunft.
Das Bücherbergwerk bietet viel Lesestoff.
© ZVG
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Welche Bedeutung hat das Bücherbergwerk für die SAH Bern?

Ursina Bernhard: Das Bücherbergwerk ist ein Arbeitsintegrationsprogramm des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH Bern. Wir unterstützen und begleiten Menschen, die in einer Notlage sind, welche sie nicht aus eigener Kraft bewältigen können. Die Menschen werden uns von den Sozialdiensten vermittelt, mit dem Ziel, dass sie idealerweise wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen und/oder in einer Tagesstruktur integriert sind. Das Bücherbergwerk ist einer unserer internen Betriebe im Rahmen der Arbeitsintegrattion.

Was ist der Unterschied zwischen einer Brockenstube und dem Bücherbergwerk?

Wir sind sicher einzigartig aufgrund unserer Grösse: Wir haben auf 800 Quadratmeter eine unglaubliche Auswahl. Wir decken thematisch fast jedes Gebiet ab und verfügen über Bücher, die eigentlich vergriffen und schwierig aufzufinden sind. Weil wir so gross sind, erreichen wir eine Vielfalt, wie es bei den meisten Bücherbrockis wohl nicht in diesem Ausmass der Fall ist. Zudem ist das Bücherbergwerk auch ein Ort der Begegnung, der Ruhe und Verlangsamung, wo gestöbert und geblättert werden kann und auch kulturelle Veranstaltungen wie beispielsweise Lesungen, Musikveranstaltungen oder Theater stattfinden.

Das Bücherbergwerk im Monbijou sticht wegen seiner Grösse schweizweit heraus. Wie ist es entstanden?

Das SAH Bern hat das Bücherbergwerk vor elf Jahren übernommen. Die Geschichte dahinter war die Folgende: 1989 kam es zur Übernahme der Ladenfläche durch Heinrich Rohrer-Tschumi, als die damalige Regionalbibliothek ins Kornhaus zügelte – mit dem Prinzip des Antiquariats «Büchermärit»: Gratis Entgegennahme von Büchern, «die für Antiquariate zu wenig wertvoll, aber zu schade fürs Altpapier waren». Im Alter suchte Herr Rohrer-Tschumi nach einer Anschlusslösung. Die SAH Bern ist in die Bresche gesprungen und hat das Antiquariat übernommen und das Arbeitsintegrationsprojekt aufgebaut. Das Bücherbergwerk ist jedoch seit Sommer 2022 bedroht, die Arbeitslosenzahlen sind so tief wie schon lange nicht mehr sind und wir mussten deshalb eine interne Standortkonsolidierung vornehmen. Das Resultat: Das Bücherbergwerk muss – neben einem zweiten internen Betreib des SAH Bern in Interlaken – in der heutigen Form leider geschlossen werden.

Ihr Ziel ist es, die Menschen wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, gleichzeitig sind Sie aber auf die Arbeitslosen angewiesen. Wie gehen Sie damit um?

Unser Hauptfokus liegt darin, dass möglichst viele Menschen arbeitstätig sind und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Dafür stehen wir ein. Natürlich ist es für uns in der jetzigen Zeit eine Herausforderung, denn wir haben Leistungsverträge mit dem Kanton, welche auf Prognosen aus vorangegangenen Jahren basieren. Aktuell sind die Zahlen jedoch deutlich tiefer als prognostiziert. Die Strukturen und Ressourcen müssen jedoch beibehalten werden für den Fall, dass die Arbeitslosenquote vielleicht trotzdem wieder steigen und der Bedarf nach unserer Unterstützung wieder verlangt ist.

Was ist langfristig das Ziel des SAH?

Die Thema Arbeitslosigkeit ist omnipräsent. Das SAH Bern verfolgt das Ziel, Menschen u.a. mit Arbeitseinsätzen, Bildungs- und Qualifizierungsmodulen sowie Bewerbungstraining wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen, um längerfristig im Arbeitsmarkt bestehen zu können, und/oder ihnen eine Tagesstruktur zu ermöglichen. Es gibt aber auch grosse Anzahl Menschen, für die es meist auch aufgrund familiärer, psychischer und physischer Belastungen sehr schwierig bis unmöglich ist, wieder im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Hier sind wir vermehrt auf Tagesstrukturprojekte angewiesen, die auch diesen Menschen eine längerfristige und befriedigende Perspektive bietet.

Mit einer Spendenaktion wollte man das Bücherbergwerk retten. Wie gut hat das funktioniert?

Wir sind überwältigt von der grossen Unterstützung in dieser Zeit vor Weihnachten. Wir haben das Spendeziel sogar übertroffen und sind dankbar, dass viele Menschen uns in ihren Möglichkeiten ihre Hilfe angeboten und motiviert haben. Das ermöglicht uns, das Projekt Bücherbergwerk im nächsten halben Jahr neu zu konzipieren, wobei uns die über dem Spendeziel erhaltenen Spenden helfen, für den Weiterbetrieb des Bücherbergwerks nicht nur eine Minimalvariante bis Mitte 2023 anbieten zu können.

Wie sieht es danach aus?

Die Spendengelder sind explizit für das nächste halbe Jahr gedacht. Die vielen Reaktionen haben uns motiviert, weil offenbar viele Stellen und Geldgeber Interesse haben. Nun geht es darum, dass wir unsere Optionen prüfen. Verkaufen wäre eine Möglichkeit, was aber schwierig ist, weil es nicht einfach ist, das Bücherbergwerk kostendeckend zu führen. Wir könnten mit anderen Partnern zusammen schaffen, etwa mit IV-zuweisenden Stellen. Diese haben wir bereits kontaktiert. Das Ziel ist, dass es weitergeht, in welcher Form auch immer. Einnahmen und Ausgaben müssen aber eine schwarze Null ergeben. Aktuell sind wir aber vor allem dankbar, dass es in unserer Wegwerfgesellschaft möglich gewesen ist, mit unserem Projekt so viele Leute zu berühren.

Die Spendegelder sind explizit für das erste Halbjahr 2023 gedacht. Die vielen Reaktionen haben uns motiviert, doch weiterzumachen und den Versuch zu wagen. In einem nächsten Schritt geht es nun darum, alle Optionen zu prüfen, vielleicht auch mit externem Know-how. Der Verkauf wäre eine Möglichkeit, auch wenn wir aufgrund der Vergangenheit eher geringe Chancen sehen. Es im heutigen Zeitalter herausfordernd, das Bücherbergwerk kostendeckend zu führen. Wir könnten uns auch gut eine oder mehrere Kooperationen mit anderen Partnern vorstellen, vielleicht im Bereich der IV. Das Ziel ist, dass das Bücherbergwerk auch weiterhin Bestand hat.

Das Projekt muss jedoch kostenneutral, längerfristig und nachhaltig aufgebaut werden – dafür brauchen wir die Zeit im 1. Quartal 2023. Heute sind wir schlichtweg dankbar, dass wir mit unserem Projekt so viele Leute berührt und motiviert haben – in einer «Wegwerf-Gesellschaft», wo oft vergessen geht, dass gewisse Dinge mehrmals verwendet und weitergegeben werden können.

(pfl/dak/lae)

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 23. Dezember 2022 06:36
aktualisiert: 24. Dezember 2022 11:36