Problem im Winter

Gibt es in der Stadt Bern zu wenig Angebote für Obdachlose?

10.01.2024, 18:38 Uhr
· Online seit 05.01.2024, 06:58 Uhr
Im Winter halten sich Obdachlose vermehrt drinnen auf, um sich vor der Kälte zu schützen. In der Stadt Bern werden dafür oft Bibliotheken genutzt. Für die betroffenen Personen geht es dabei aber nicht nur darum, sich aufzuwärmen.
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Wenn die Temperaturen Ende Woche auf knapp über Null Grad sinken, wollen die meisten Bernerinnen und Berner vor allem eines: Nach drinnen in die Wärme flüchten. Während das für viele Menschen ohne Probleme möglich ist, ist es für Obdachlose oft eine Herausforderung.

«Es gibt in Bern nicht sehr viele Orte, wo sich Menschen ohne Konsumzwang länger aufhalten können, was gerade in den kalten Jahreszeiten herausfordernd ist», sagt Eva Gammenthaler von der Kirchlichen Gassenarbeit Bern. Die bestehenden Notschlafstellen seien oft bereits voll und zudem tagsüber geschlossen. Es gebe zwar «zielgruppenspezifische Aufenthaltsräume oder Anlaufstellen» wie das Alkistübli oder den Mittagstisch für Geflüchtete, diese würden jedoch nicht allen zur Verfügung stehen.

Kirche oder Bibliothek oft einzige Option

Obdachlosen Menschen bleibt deshalb oft nichts anderes übrig, als öffentlich zugängliche Gebäude und Räume aufzusuchen. Das bestätigt auch Eva Gammenthaler: «Wir verweisen teilweise bei unserer Arbeit – gerade bei Kälte oder Regen – auch auf Angebote wie Kirchen, das Generationenhaus oder öffentliche Bibliotheken, da es sonst keine Angebote gibt.»

Darauf weist im Übrigen auch die Stadt Bern hin. In der «Strategie Obdach 2024-2027» sind verschiedene Hilfsangebote aufgelistet und zuunterst heisst es: «Bibliotheken, Kaffees in verschiedenen Kirchen; nur zum Teil für obdachlose Menschen geeignet.»

Die Kirchliche Gassenarbeit Bern setzt sich dafür ein, dass es künftig mehr solche Angebote gibt, wie Gammenthaler erklärt: «Wir fordern seit vielen Jahren mehr Angebote wie Aufenthaltsräume ohne Konsumzwang und ohne Einlassbeschränkungen, mehr Notschlafstellen und Wohnangebote, mehr kostengünstige Wohnungen, mehr Beratungsangebote etc. von der Stadt Bern.» Dabei gehe es auch um die gesellschaftliche Zugehörigkeit. «Armutsbetroffene Menschen sind in ihrer Freizeit- und Alltagsgestaltung stark eingeschränkt, da es ohne Geld nicht viele Möglichkeiten der sozialen Teilhabe gibt», meint Gammenthaler.

Obdachlosencafé und betreute Wohnungen

Die Stadt hingegen ist der Meinung, dass es bereits viele entsprechende Angebote gibt: «Mit der aufsuchenden Arbeit von Pinto, dem Obdachlosencafé Punkt6, in dem sich Obdachlose aufhalten, essen, duschen, waschen und schlafen können und mit den von Pinto betreuten 16 Studiowohnungen, unternimmt die Stadt Bern viel», sagt Silvio Flückiger, Leiter der Sozialarbeit Pinto.

Dass Obdachlose im Winter in Bibliotheken Zuflucht suchen, ist auch Kornhausbibliothek-Direktor Dani Landolf bekannt. «Wir haben immer wieder Menschen ohne festen Wohnsitz, die sich in der Kornhausbibliothek aufhalten. Und das nicht nur im Winter.» Für die Kornhausbibliotheken sei das grundsätzlich kein Problem, so Landolf. Es gelte für alle Gäste das Gleiche: «Solange man andere Gäste nicht stört und sich anständig verhält, sind alle willkommen.» Laut Landolf kommt es dabei kaum zu Konflikten. Und wenn, dann sei meistens Alkohol im Spiel.

Auch Uni Bern betroffen

Auch in den Gebäuden der Universität Bern sind immer wieder Obdachlose anzutreffen, wie der Kommunikationsverantwortliche Ivo Schmucki auf Anfrage bestätigt. «Es gibt Fälle, in denen sich obdachlose Personen in Gebäuden der Universität aufhalten, und manchmal auch dort übernachten. Dies kommt in der kälteren Jahreszeit etwas häufiger vor.» Es komme auch vor, dass sich Personen in Uni-Gebäude einschliessen lassen.

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Für die Berner Universität ist klar: «Wenn die Personen tagsüber den Betrieb stören oder in Gebäuden übernachten, werden sie weggewiesen», so Schmucki. Zudem könne ein Hausverbot ausgesprochen werden. Meist würden sich Obdachlose bewusst zurückhalten, um nicht bemerkt zu werden. «Aber gerade in den Morgenstunden kann ein unerwartetes Zusammentreffen von Mitarbeitenden und den unberechtigten Besucherinnen oder Besuchern Verunsicherung hervorrufen», sagt Schmucki.

veröffentlicht: 5. Januar 2024 06:58
aktualisiert: 10. Januar 2024 18:38
Quelle: BärnToday

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