Gassenarbeit Bern

«Über bettelnde Menschen wird sehr verallgemeinernd gesprochen»

· Online seit 04.10.2022, 16:44 Uhr
Die Gassenarbeit Bern ist im täglichen Kontakt mit Leuten mit Lebensmittelpunkt auf der Strasse. Die aktuelle Berichterstattung zum Thema findet sie oft störend, wie sie im Interview erklärt.
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Bettelnde Menschen sind in den Medien immer wieder Thema. So auch in den letzten Tagen, als darüber berichtet wurde, dass immer mehr Menschen aus Westeuropa in der Schweiz betteln würden.

In Bern beschäftigt sich Gassenarbeit Bern täglich mit Menschen, die auf der Gasse leben. So auch Nora Hunziker, Sozialarbeiterin bei der Gassenarbeit Bern.

An wen richtet sich das Angebot von Gassenarbeit Bern?

Hunziker: An Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Gasse und grundsätzlich Menschen in prekären Lebenssituationen. Das sind alle möglichen Arten von Menschen, die in irgendeiner Form Schwierigkeiten haben. Das ist eine breite Palette von Menschen mit verschiedensten Hintergründen.

Was sind die grössten Herausforderungen für Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Gasse in Bern?

Das ist so divers, wie die Menschen es selbst auch sind. Den meisten Menschen fehlt vor allem Geld, sie sind also armutsbetroffen. Ausserdem der fehlende Platz, das ist überall auf der Welt ein Problem, so auch in Bern: Für armutsbetroffene Personen hat es im öffentlichen Raum keinen Platz und auch nicht viel Wohnraum.

Könnte es auch damit zusammenhängen, dass Menschen mit Lebensmittelpunkt auf der Gasse in Bern vielleicht negativ wahrgenommen werden?

Das ist schwierig zu sagen. Wenn wir aber mit Leuten mit Lebensmittelpunkt auf der Gasse sprechen oder uns dazusetzen, spüren wir schnell die Blicke der Leute. Es ist allerdings schwierig zu sagen, ob es eher Ablehnung ist oder vielleicht teilweise auch Unsicherheit, wenn man nicht weiss, wie man sich ihnen gegenüber verhalten soll.

Was ist denn das beste Verhalten, beispielsweise gegenüber einer Person, die auf der Strasse um Geld fragt?

Grundsätzlich ist wichtig, dass ich zuhöre, wie ich es bei jeder anderen Person auch tun würde.  Wenn die Frage nach Geld gestellt wird, kann ich dann ganz normal antworten, ob ich Geld geben will oder nicht. Es klingt banal, aber viele Menschen sind verunsichert, was auch in Ordnung ist.

Oft hört man von Leuten, die sagen, sie würden lieber Essen geben als Geld. Warum ist das problematisch?

Es ist eine sehr paternalistische Aussage. Es geht mich als Person, die Geld gibt, nichts an, was die andere Person mit dem Geld macht. Dass man lieber Essen gibt, hängt oft damit zusammen, dass man annimmt, die andere Person würde das Geld sonst wahrscheinlich nicht für Nahrung ausgeben, sondern vielleicht für Drogen. Man vertraut der anderen Person nicht. Wir sind aber fest der Meinung, dass man diese Verantwortung abgeben soll. Ausserdem gibt es Leute, die sich vor dem Betteln überlegen, wie viel sie bekommen müssen, um über die Runden zu kommen. Wenn sie dann fünf Sandwiches bekommen, statt Geld, um sich vielleicht ein Sandwich für den Tag und etwas warmes für das Abendessen zu kaufen, bringt es nichts.

Gassenarbeit Bern hat sich auf Social Media kritisch gegenüber den Medienbeiträgen der letzten Tage zum Thema Betteln geäussert. Was hat sie an der Berichterstattung gestört?

Uns stört schon lange, dass über bettelnde Menschen sehr verallgemeinernd gesprochen wird. Oft geht man vom Beispiel einer mühsamen Person oder Personengruppe aus und überträgt dieses Bild auf alle bettelnden Menschen. Ausserdem wird immer nach Zahlen gefragt, etwa woher die meisten bettelnden Menschen kommen, was sehr schwierig zu beantworten ist. Auch wenn Pinto oder die Fremdenpolizei Zahlen nennen, stellt sich uns immer die Frage, woher sie diese Daten haben. Oft wird auch nicht danach gefragt, warum eine Person bettelt. Bei Bettelnden aus dem Ausland geht es ja eigentlich darum, dass Menschen von Armut betroffen sind und in andere Länder gehen, um ihr Leben etwas lebenswerter zu machen. Diese Tatsachen gehen oft unter, wenn man über bettelnde Menschen spricht.

veröffentlicht: 4. Oktober 2022 16:44
aktualisiert: 4. Oktober 2022 16:44
Quelle: BärnToday

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