Schnelle Feder, schnelles Geld

Geschichten aus dem Computer erschüttern die Literaturwelt

· Online seit 27.02.2023, 10:13 Uhr
Sie wird nie müde, produziert Bücher am Laufmeter und verlangt kein Honorar: Künstliche Intelligenz revolutioniert die Art und Weise, wie Texte geschrieben werden. Das merkt auch die Literaturwelt. Die Folgen sind noch nicht absehbar.
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Seit 2006 veröffentlicht das «Clarkesworld Magazine» eingesandte Kurzgeschichten aus den Genres Fantasy und Science Fiction. Für die Autorinnen und Autoren ist das attraktiv. Nicht nur geniessen die Short Stories aus dem Heft bei Kennerinnen und Kennern Kultstatus, dank einem Honorar von 12 Cents pro Wort sind sie für angehende Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch durchaus einträglich.

Doch nun stösst das Konzept von «Clarkesworld Magazine» an seine Grenzen. In den vergangenen Monaten sei die Zahl der von der Redaktion wegen Plagiatsverdachts abgelehnten Kurzgeschichten in die Höhe geschossen. Musste das Magazin Mitte 2022 pro Monat noch kaum eine Handvoll Eingaben zurückweisen, waren es alleine im Februar 2023 mehr als 500.

Neil Clarke, der Verleger des Literaturmagazins, hat sich nun zu einem drastischen Schritt entschieden. Auf Twitter teilte er mit, dass «Clarkesworld Magazine» bis auf Weiteres keine Kurzgeschichten mehr in Empfang nehme. «Der Grund dafür dürfte nicht schwer zu erraten sein», schrieb er dazu.

Begraben unter der KI-Flut

Der Grund, der Neil Clark Kopfzerbrechen bereitet, das ist die Flut von Texten aus der Feder einer künstlichen Intelligenz (KI), von der die Literaturwelt gerade überschwemmt wird. Der Verleger hatte wenige Tage vor dem Eingabestopp darauf hingewiesen, dass von KI-Chatbots wie «ChatGPT» geschriebene Geschichten eine Gefahr für das Konzept publizierter Kurzgeschichten darstelle, schreibt «PCMag».

Das Problem: Viele Einsenderinnen und Einsender erhoffen sich wohl, mit den KI-Texten schnelles Geld verdienen zu können. Solche Texte sind bei «Clarkesworld Magazine» aber verboten und gelten als Plagiat. Die wenigen erwünschten, von Menschen verfassten Geschichten aus dem Wust herauszufiltern, brauche immer mehr Zeit. Gleichzeitig stiegen die Hürden für Menschen, die Zeit und Herzblut in ihre Arbeiten stecken.

Bilderbücher – gemalt und geschrieben vom Computer

Die Zunahme von Literatur aus der KI-Fabrik wird auch andernorts gespürt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass es in Amazons US-amerikanischem Kindle-Store, dem wohl grössten Buchladen der Welt, über 200 Bücher mit ChatGPT als Autor oder Co-Autor gebe. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, denn viele Autorinnen und Autoren würden nicht angeben, die Software benutzt zu haben.

Bilderbücher für Kinder sind bei diesen Autoren besonders beliebt. Auf Youtube, Tiktok und Reddit finden sich Hunderte von Tutorials, die zeigen, wie man sich mit ChatGPT in wenigen Stunden ein Buch zusammenklickt. Weitere Themen sind Ratgeber für schnelles Geld, Diät-Tipps, Anleitungen zur Software-Programmierung und Rezepte.

Wird Geschriebenes zur Massenware?

«Über diese Entwicklung müssen wir uns wirklich Sorgen machen, denn diese Bücher werden den Markt überschwemmen und viele Schreibende arbeitslos machen», wird Mary Rasenberger, Geschäftsführerin der US-amerikanischen Autorenvereinigung Authors Guild, zitiert. Ghostwriting – durch Menschen – habe eine lange Tradition, die Möglichkeit der Automatisierung mittels KI könnte das Schreiben von Büchern aber von einem Handwerk in eine Massenware verwandeln.

Immerhin: Bislang seien die KI-Werke weder durch Qualität noch durch Verkaufszahlen aufgefallen. Der Autor Mark Dawson, der zahlreiche Bücher im Selbstverlag bei Amazon verkaufte, bezeichnet sie als «dull» – langweilig. Und Kamil Banc, der ChatGPT und einen Bildgenerator benutzte, um eine «Gutenachtgeschichte über einen rosa Delfin, der Kindern beibringt, ehrlich zu sein» zu erstellen, sagt, er habe bislang ein «gutes Dutzend» Exemplare verkauft.

veröffentlicht: 27. Februar 2023 10:13
aktualisiert: 27. Februar 2023 10:13
Quelle: Today-Zentralredaktion

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